Der verlorene Sohn (Teil 6: Die erschütternde Begegnung)

Hier kommt der sechste Teil meiner Serie von Jesu Geschichte über den verlorenen Sohn.  Um zu den vorherigenen Teile zu gelangen, einfach auf die jeweilige Zahl klicken. Teil 1, 2, 3, 4 und 5

20 Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn.

Mit einem klaren Plan macht sich der Sohn auf den Weg zurück in sein Heimatdorf. Ihm war klar, was auf ihn zukommen würde. Sein Vater würde im Haus bleiben, während er den bösen Blicken und Kommentaren der Dorfbewohner ausgesetzt ist. Sobald sie herausfinden, dass er sein Geld bei den Heiden verloren hat, werden sie das Kezazah-Ritual durchführen. Er muss dann an einem Pranger vor dem Tor des Familienanwesens sitzen, bis ihn der Vater zu sich lässt. Sein Vater wird sehr zornig werden und er muss sich für alles entschuldigen und inbrünstig darum bitten ein Tagelöhner zu werden.

Doch nichts davon geschieht. In der Dorfgemeinschaft werden Entscheidungen normalerweise immer gemeinsam getroffen. Dafür wird lange diskutiert und erst wenn ein Kompromiss gefunden wurde, wird die Entscheidung verkündigt und tritt in Kraft. Normalerweise wären die Dorfältesten zusammengekommen und hätte über das Schicksal des heimgekehrten Sohnes beraten und entschieden. Der Vater verhält sich entgegen der kulturellen Norm. Als er ihm entgegen läuft, um sich mit seinem Sohn zu versöhnen, bricht er alle Regeln der orientalischen Gesellschaft.

Als der Vater seinen Sohn sieht macht er vier Dinge. Er wurde innerlich bewegt, er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Was sagt uns diese Vorgehensweise? Dass der Vater innerlich bewegt war klingt für uns ganz nett. Was hier mit „innerlich bewegt“ wiedergegeben wird, heißt im griechischen Urtext „esplanchnisthe“. In diesem Zeitwort steckt das Hauptwort „splanchnon“. Es bezeichnet „die Eingeweide“, „das Innere des Bauches“, auch „das Herz“. „Splanchnizomai“ bedeutet wörtlich „etwas berührt, bewegt, ergreift mich in meinen Eingeweiden, in meinem Inneren“, „etwas geht mir zu Herzen“, „etwas lässt mich nicht kalt“. Als der Vater seinen Sohn sah, ging im das zu Herzen. Es löste in ihm ein sehr starkes körperliches Gefühl aus. Für den Hebräer ist der Bauch der Sitz von zärtlichen Gefühlen. Bei uns ist der Bauch auch der Sitz von Wut (z. B. ich habe Wut im Bauch).

Als zweites läuft der Vater ihm entgegen. Beim Wort laufen handelt es sich um einen Begriff aus dem Sport und bedeutet „rennen“. Der Vater geht seinem Sohn nicht normal entgegen, sondern wie ein Wettkampfsportler rennt er ihm so schnell er kann entgegen. Im Nahen Osten würde ein älterer Mann in seiner Position niemals rennen, sondern langsam und würdevoll gehen. Aber der Vater rennt. Dazu muss er sein langes Gewand vorne in die Hand nehmen und anheben. Dadurch werden seine Beine sichtbar, was als demütigend gilt. Doch dem Vater ist diese Schande egal. Ihm macht es nichts aus sich öffentlich zu blamieren. Er weiß was seinem Sohn im Dorf blüht und das will er ihm aus Mitleid und Liebe ersparen.

Die Vorgehensweise des Vaters, der sein Haus verlässt und sich auf dem Weg zu seinem Sohn öffentlich demütigt ist ein Bild für die Menschwerdung Gottes. Jesus verlässt die Herrlichkeit des Himmels und kommt auf die Erde, um dort sich von den Menschen richten zu lassen.

Als der Vater zu seinen Sohn rennt wird er nicht allein gewesen sein. Seine Diener begleiteten ihn (22) und auch das halbe Dorf wird neugierig ihm gefolgt sein. Das Gespräch des Vaters mit seinem Sohn findet nicht unter vier Augen statt. Jedes gesprochene Wort wird sich in Windeseile im ganzen Dorf herumgesprochen haben. Das Handeln des Vaters stellt einen dramatischen Versöhnungsversuch dar. Niemand im Dorf darf ihn danach weiter ablehnen.

Nachdem der Vater seinen Sohn erreicht hat fällt er ihm um den Hals und küsste ihn. Das ist eine gängige Begrüßungs- und Abschiedsform. Während der Sohn sich  von seinem Vater nicht angemessen verabschiedet hat (wie auch), begrüßt der Vater ihn ganz natürlich. Mit dieser Reaktion zeigt der Vater seinen Sohn seine Liebe und auch seinen Schmerz. Wäre ihm die Entfremdung seines Sohnes egal gewesen oder hätte er sie verdrängt, dann wäre seine Reaktion anders, nämlich kühl, abwartend oder rächend gewesen.

21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen.

Der Sohn ist von der Reaktion seines Vaters mehr als überrascht und völlig fassungslos. Er ist „geplättet“ und geschockt. Er wird konfrontiert mit der Liebe seines Vaters nach allem was er ihm angetan hat. Das führt zu einem Umdenken. Seine festgelegte Strategie der Manipulation wird verworfen. Er unterbreitet dem Vater keinen Lösungsvorschlag, sondern lässt sich umarmen. Völlig überwältig macht er sich abhängig von der Gnade seines Vaters: „ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen.“ In den Armen seines Vaters erkennt er, dass es seinem Vater nie um Geld ging, sondern um die Beziehung. Ihm wurde klar, dass er etwas viel schlimmeres getan hat als seinen Erbteil bei den Heiden zu verprassen. Er hat sich von seinem Vater getrennt. Er hat ein autonomes Leben begonnen und dadurch das bedeutendste im Leben verspielt – seine Beziehung zum Vater. Nun lässt er sich wie das Schaf (erste Geschichte) einfach finden und begibt sich ganz in die Hände seines Vaters. Plötzlich weiß er nicht mehr wie er aus der Nummer herauskommt und hofft ganz auf dem Vater.

22 Der Vater aber sprach zu seinen Sklaven: Bringt schnell das beste Gewand heraus und zieht es ihm an und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße;  23 und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es, und lasst uns essen und fröhlich sein!  24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Als der Vater merkt, dass sein Sohn keine Ahnung hat wie er die zerbrochene Beziehung wie heilen kann, ordnet er eine Feier an. Genau wie bei den beiden Geschichten zuvor wird der „Fund“ gefeiert.

Der Vater wendet sich an seine Diner mit der Bitte entsprechende Kleider für den Sohn zu bringen. Sein Sohn muss sich nicht selbst um angemessene Kleider kümmern. Indem die Diener das erledigen müssen, sollen sie ihm Ehre erweisen.

Das beste Gewand ist das prächtigste Kleidungsstück des Vaters. Der Sohn wird im elegantesten Gewand auf der Feier erscheinen und dadurch herausstechen. Jeder wird im deshalb mit Respekt begegnen. Jemanden mit nobler Kleidung auszustatten bedeutet immer ihn zu ehren (vgl. Ester 6,1-9).

Bei dem geschenkten Ring wird es sich höchstwahrscheinlich um einen Siegelring handeln. Mit einem solchen Ring werden offizielle Dokument unterschrieben. Damit bekommt der Sohn trotz seiner Vorgeschichte wieder Verantwortung übertragen. Dem älteren Sohn wird das mächtig gegen den Strich gegangen sein, denn er bekam gewisse Vollmacht über den restlichen Familienbesitz.

Auch die Schuhe sind Zeichen einer neuen Stellung. Sklaven gehen barfuß. Jeder im Dorf soll nicht nur hören, sondern sehen, dass Vater und Sohn sich versöhnt haben.

Danach wird ein großes Dorffest veranstaltet. Dafür wird ein gemästetes Kalb geschlachtet. Der Vater lässt das beste Fleisch servieren. Fleisch ist eine Delikatesse und zugleich ein Luxus, den die Dorfbewohner sich nicht oft gönnen konnten.

Mit all diesen Schritten versöhnt der Vater seinen Sohn mit seiner Umgebung. Zuerst mit sich, dann mit den Dienern und schließlich mit dem ganzen Dorf. Die Dorfältesten werden ihn aus Loyalität zu seinem Vater wieder annehmen und als vollwertiges Mitglied des Dorfes aufnehmen. Allerdings gibt es noch einen schwierigen Fall zu lösen. Wie wird er Ältere, der noch auf dem Feld ist, reagieren?

Wie wird der jüngere Sohn sich in Zukunft verhalten? Nach dem was geschehen ist wird er weder eine Strafe befürchten noch die Erwartung auf eine Belohnung ihn antreiben. Er hat bekommen, was er nicht verdient. Er war ganz unten ist wieder oben. Er ist von seinem Vater aus dem „Dreck“ gezogen worden und darüber so glücklich, dass er seinem Vater für immer dankbar sein wird. Dankbarkeit ist sein Antrieb nicht der Wunsch nach Anerkennung oder die Angst bestraft zu werden. Warum? Mehr Anerkennung kann er nicht mehr bekommen und hätte sein Vater ihn bestrafen wollen, hätte er längst allen Grund dafür gehabt.

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Der verlorene Sohn (Teil 4: Der Todeswunsch)

Das ist der vierte Teil meiner Serie über die Geschichte vom verlorenen Sohn.  Ich gehe darin besonders auf die kulturellen Hindergründe und den Kontext der Geschichte ein. Im ersten Teil ging es um die Vorgeschichte. Im zweiten und drittenTeil gehe ich auf die zwei Geschichten ein, die Jesus unmittelbar vor der Geschichte des verloren Sohnes erzählt und mit dieser verknüpft ist.

Die dritte Geschichte

11 Er sprach aber: Ein Mensch hatte zwei Söhne;

Mit diesem einleitenden Satz beginnt Jesus die dritte Geschichte und kommt damit zum Höhepunkt. Im ersten Satz nennt er alle drei Beteiligten: der Vater, Sohn 1 und Sohn 2. Traditionel lwird vom Gleichnis vom verlorenen Sohn gesprochen. Doch damit wird man der Geschichte nicht gerecht, schließlich geht es um zwei Söhne. Deshalb würde ich lieber vom Gleichnis der zwei Söhne sprechen. In der Geschichte stehen die Beziehungen der drei Beteiligten im Mittelpunkt. Daher müssen wir sie genau anschauen, um am Ende zu verstehen warum jeder handelt wie er handelt.

 12 und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt! Und er teilte ihnen die Habe.

Der jüngere Sohn wendet sich mit einer gelinde gesagt unverschämten Forderung an den Vater. Eine solche Bitte bedeutete nicht anderes, dass der jüngere Sohn ungeduldig auf den Tod seines Vaters wartete. Am liebsten wäre ihm gewesen, wenn er schon tot wäre, denn dann hätte sich sein Anliegen schon lange erfüllt. Das Vermögen des Vaters wird normalerweise erst an seinem Lebensende aufgeteilt (vgl. 1Mo 25,5-8 und 1Mo 48-49). Es war aber auch möglich, dass der Vater das Erbe vor seinem Tod aufteilte. Dafür gab es spezielle juristische Bestimmungen. Der Erbe/die Erben erhielten dann das gesetzliche Eigentumsrecht. Allerdings noch nicht das Verkaufsrecht. Der Besitz gehörte ihnen dann zwar schon, aber er wurde immer noch vom Vater verwaltet. Daher sagt der Vater am Ende der Geschichte auch zu seinem älteren Sohn: „Alles was mein ist, ist auch dein.“ Dem älteren Sohn gehörte rechtlich alles was auch dem Vater gehörte. Streng genommen war es sein Eigentum. Wobei der Vater immer noch das Recht hatte das Eigentum seines Sohnes zu gebrauchen und z. B. ein Kalb für eine Party zu schlachten. Der jüngere Sohn fragte seinen Vater nach dem Eigentums- und Verkaufsrecht und bekommt es tatsächlich. Beide Verhalten sind in dieser Kultur ungeheuerlich. Ein absolutes No-Go! Niemals würde ein Sohn auf die Idee kommen seinen Vater nach dem Erbe zu fragen und wenn er es tatsächlich macht, würde der Vater es ihm nie geben. Beide Verhalten lösten bei den Zuhöreren Fassungslosigkeit aus. Wie kann ein Sohn nur auf die Idee kommen seinem Vater eine solche Frage zu stellen? Wie kann der Vater diese Ungeheuerlichkeit dulden und dem Sohn sein Vermögen geben?

„Und er teilte ihnen die Habe.“ Im Zuge der Bitte des jüngeren Sohnes klärt der Vater alle Erbangelegenheiten. Nicht nur der jüngere Sohn bekommt seinen Anteil auch der ältere Sohn bekommt sein Erbe. Allerdings fordert dieser nicht das Verkaufsrecht.

Schauen wir uns die drei beteiligten Personen gleich mal näher an:

Der jüngere Sohn

1. Die Bitte zeigt seine Auflehnung gegen seinen Vater. Er will, dass er nicht mehr existiert. Wie er befindet sich auch die Menschheit in einer Art Auflehnung gegen Gott. Sünde will letztlich den Tod des Vaters/Schöpfers.

2. Er denkt egoistisch. Es geht ihm nur um sich. Er will weg, er will das Geld, basta. Wie er damit seinen Vater verletzt und seine Familie bloß stellt spielt für ihn keine Rolle.

3. Prinzipiell war es möglich seinen Erbanteil vor dem Tod seines Vaters zu bekommen. Der Anteil des jüngeren Sohnes betrug ein Drittel (vgl. 2 Mo 21,17). Es wird nicht gesagt, dass der Sohn den Tod seines Vaters abwarten muss. Der Sohn hat kein Gesetz übertreten, wohl aber die kulturelle Einstellung und, und das ist das entscheidende, die Beziehung zum Vater zerstört.

4. Durch die Erbauszahlung ist die gesamte Großfamilie betroffen. Der Reichtum der Großfamilie, den alle zusammen durch harte Arbeit erwirtschaftet haben, bestand aus Land, Vieh und Häusern und war nicht wie heute in Aktien und anderen Geldanlagen angelegt. Ein Drittel dieses Vermögen auf einmal zu verlieren war ein großer Verlust, der alle traf. Dem jüngeren Sohn waren diese Konsequenzen bewusst, aber er nahm darauf keine Rücksicht.

5. Es ist keine Dankbarkeit für das ungewöhnliche Entgegenkommen des Vaters zu spüren.

6. Er übernimmt keine Verantwortung für sein Erbteil. Wer sein Erbe annimmt, nimmt damit auch seine verantwortliche Position in der Großfamilie an. Er hat die Pflicht die Familie zu versorgen, den Reichtum zu vermehren und die Ehre der Familie zu verteidigen. Außerdem muss er die Familie bei Festivitäten würdig vertreten. Der Sohn macht genau das Gegenteil! Er verkauft alles und haut ab. Er nimmt seine Privilegien in Anspruch ohne die Verantwortung zu übernehmen.

7. Er trennt sich von seiner Familie und damit von seinen Wurzeln. Die Familie hatte damals eine sehr viel wichtigere Bedeutung als in unserer individualisierten Gesellschaft. Die Sicherheit eines Menschen lag in seiner Familie. Familie bedeutete für einen Menschen soziale Versicherung, Altersversorgung, Schutz und seelisches Wohlbefinden. Ebenso trennt er sich von seinem Dorf und damit seiner Heimat. Alles das wirft er weg und zieht als Vagabund von dannen. Ein Vagabund genießt wenig Vertrauen in der Bevölkerung. Oder jemanden als Vagabunden oder als jemand ohne Wurzeln zu bezeichnen ist eine große Beleidigung. Übertragen gesehen bietet auch die Familie Gottes jedem Mitglied dieselbe Sicherheit wie die Großfamilie der damaligen Zeit.

8. Er weigert sich, seinen Erbteil mit dem Vater gemeinsam zu besitzen (Eigentumsrecht). Er will allein über das Geld verfügen (Kaufrecht). Er will seinen Teil unabhängig von seinem Vater verwalten.

9. Er ist voll verantwortlich. Er hat diese Entscheidung ganz bewusst getroffen. Das Schaf (erste Geschichte) konnte sich aufgrund seines schlechteren Orientierungssinns verlaufen und die Münze (zweite Geschichte) ist ein lebloser Gegenstand, aber für den Sohn gelten diese Gründe nicht.

Der ältere Sohn

1. Er hat mich Sicherheit alles mitbekommen. In der dörflichen Struktur des Nahen Osten bekommt jeder alles mit. Auch die Details wird er gewusst haben.

2. Er mischt sich nicht in den Konflikt seines Vaters mit seinem Bruder ein. Bei einem Streit gibt es immer die Möglichkeit der Klärung und Versöhnung. In dieser schamorientierten Kultur werden die beiden direkt betroffenen Parteien sich nie allein versöhnen, denn das würde zu einem Gesichtsverlust führen. Man kann nicht voreinander zugeben einen Fehler gemacht zu haben. Deshalb braucht es einen Vermittler (Mediator). Der Mediator pendelt zwischen beiden Seiten, redet mit ihnen und verhandelt eine Lösung, die beide akzeptieren können. Es darf dabei keine Verlierer oder Gewinner geben. Auf diese Weise findet Konfliktlösung in dieser Kultur statt. Vom älteren Bruder würde unausgesprochen erwartet zwischen seinem Vater und seinem Bruder zu vermitteln. Er wäre der perfekte Mediator gewesen, der von beiden akzeptiert worden wäre. Doch er weigert sich diese Rolle einzunehmen. Somit übernimmt er an dieser Stelle keine Verantwortung für die Gemeinschaft. Es zeigt sich, dass auch seine Beziehung zum Vater gestört ist.

3. Seine Verweigerung kann darauf hindeuten, dass es um die Beziehung der Geschwister auch nicht gut bestellt war. Er wird froh gewesen sein, dass sein kleiner Bruder endlich die Fliege macht. Er wäre dann mit ein Grund, warum der Jüngere die Familie verlassen hat. Im Osten wird das Alter geehrt. Der Ältere hatte aufgrund seines Alters besondere Privilegien. Die führten zu Arroganz. Vielleicht hat das mit dazu beigetragen, dass die Brüderbeziehung schon vor dem von Jesus geschilderten Vorfall angespannt war.

4. Er hat seinen Bruder nicht vom Gehen abgehalten. Er hat ihn nicht versucht vom Bleiben zu überzeugen und ihn vor den Gefahren einer Reise gewarnt. Nichts dergleichen ist zu lesen.

Der Vater

Die Reaktion des Vaters ist völlig überraschend. Anstatt Verweigerung und Strafe gibt er seinem Sohn um was er bittet. Wohl wissend was die Bitte bedeutet, lässt er seinem Sohn seinen Willen. Und er bricht die Beziehung nicht ganz ab. Keine Reaktion deutet darauf hin, dass der Sohn für ihn damit gestorben ist. Gott ist nicht wie ein orientalischer Patriarch. Trotz der Schande, die ihm sein Sohn bereitet, bricht er nicht mit ihm.

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Trinitarisch denken

Auf dem letzten Deltatreffen über Himmelfahrt haben wir uns u.a. über das Thema Trinität unterhalten. Trinität ist für viele ein einziges Mysterium. Deshalb können sie damit auch nicht viel anfangen. Mir ging es lange ähnlich. Einer meiner ersten Seminararbeiten während meines Theologiestudiums musste ich zu diesem Thema schreiben. Wie ungern ich das gemacht habe! Am liebsten hätte ich einfach hingeschrieben: Die Trinität ist ein einziges Geheimnis, das kein Menschen verstehen kann. Damit hätte sich das Thema dann auch erledigt. Doch mit der Zeit haben sich meine Gedanken diesbezüglich geändert. Die Trinität hat es in sich. Wir müssen zwar vorsichtig sein bei der Formulierung trinitarischer Aussagen, denn sehr viel her gibt der biblische Befund nicht. Vieles beruht auf Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Doch bestimmte Grundgedanken können sich m.E. aussagen lassen. Einer ist die spannende (und erstmal nicht zu verstehende) Aussage von Karl Rahner: „Die ökonomische Trinität ist die immanente Trinität und andersherum.“ Auf solche Ausdrucksweisen kommen wohl nur Theologen. Bedeutet ganz einfach, dass was innertrinitarisch abläuft sich nach außen wirkt. Wie Gott in der Trinität ist, so ist er auch nach außen. Wie ist nun Gott? Gott ist u.a. ein Beziehungsgeschehen. Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist sind eine Beziehung. Wenn wir nun trinitarisch denken, dann rücken Beziehungen neu in unseren Fokus. Gott will Beziehung zu uns leben und er will, dass wir als sein Ebenbild in Beziehungen leben. Das hat nun Auswirkungen auf unser Verständnis von Nachfolge und Ekklesiologie.

Wie Gott in der Trinität wirkt, so wirkt er auch außerhalb der Trinität. Das AT zeigt uns einen Gott der wirkt (z.B. Gott liebt, Gott schützt). Wir erkennen Gott also hauptsächlich durch sein Handeln. Das was wir über Gott aussagen, interpretieren wir im Nachklang des erlebten Handelns Gottes.

Am Beispiel der Schöpfung ist meiner Ansicht nach sehr gut Gottes Handeln in Beziehung zu erkennen. Die dreieinige Gottesgemeinschaft öffnet sich und lädt ihre Schöpfung in ihre Gemeinschaft ein. Vater, Sohn und Geist sind an der Schöpfung beteiligt und berufen nun den Menschen mit an der Schöpfung zu arbeiten.