Der verlorene Sohn (Teil 2: Das verlorene Schaf)

Um die Geschichte des verlorenen Sohnes zu verstehen müssen wir den Kontext uns anschauen. Bevor Jesus zu dieser Geschichte kommt, erzählt er zwei andere Geschichten. Alle drei geschichten gehören zusammen. Darüber wer die Adressaten diese Geschichten sind und warum habe ich im ersten Teil geschrieben. Dazu einfach auf HIER klicken.

Die erste Geschichte

3 Er sprach aber zu ihnen dieses Gleichnis und sagte:

Hinein in diese Situation erzählt Jesus dieses Gleichnis (EZ). Das Gleichnis besteht aus drei Geschichten, die eine Einheit bilden. Wem erzählt er das Gleichnis? Mit „ihnen“ (3) sind eindeutig die murrenden Schriftgelehrten und Pharisäer gemeint. Damit ist das Gleichnis an eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen gerichtet. An Menschen, die sich daran störten, dass Jesus in Beziehung mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft lebte.

 4 Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eins von ihnen verloren hat, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?

Jesus nimmt ein Beispiel aus der Landwirtschaft. Die Pharisäer verdienten ihren Lebensunterhalt durch normale Arbeit. Das wurde von ihnen erwartet. Wer die Tora unterrichtete, durfte sich dafür nicht bezahlt lassen. Daher konnte Jesus die Pharisäer als Arbeiter ansprechen. Allerdings werden sie kaum Hirten gewesen sein, denn diese galten als unrein. Die Hirten waren normalerweise arme Männer, die ein Leben voller Entbehrungen führten. Möglich dagegen ist, dass sie Schafe besaßen. Doch sie hätten sich nicht selbst um sie gekümmert, sondern Hirten angestellt. Kein Gelehrter würde seinen Tag damit verbringen mit den Schafen durch die Gegend zu ziehen. Von daher war die Frage Jesu ungewöhnlich, denn aus Sicht der Pharisäer hätte sie eher lauten müssen: Wenn ein Herr von seinen Hirten erfuhr, dass ein Schaf verloren ging, dann hätte er den zuständigen Hirten losgeschickt, dass Schaf zu suchen.

Jesus verwendet in seiner Eingangsfrage die interessante Formulierung: „wenn er eines von ihnen verliert.“ Damit missachtet Jesus die normale indirekte Sprachgewohnheit seiner Zeit. Normalerweise gibt man sich die Schuld nie selbst und hätte formuliert: „wenn ein Schaf sich verlaufen hat“ oder „wenn ein Schaf verloren gegangen ist.“ Jesus dagegen spricht den Hirten direkt an und nimmt keine Rücksicht auf sein Ehrempfinden. Diese Abweichung ist wichtig. Letztlich sagt Jesus zu den Pharisäern: „Ihr habt euer Schaf verloren. Ich habe es gesucht und gefunden. Und jetzt kommt ihr  zu mir und beklagt euch. Was für eine Unverschämtheit! Schließlich bringe ich eure Fehler in Ordnung.“

Hundert Schafe zu besitzen ist ein beachtlicher Reichtum. War es nun vernünftig 99 Schafe zurückzulassen und das eine zu suchen? Die Frage dahinter ist was mehr zählt: der Eine oder das Kollektiv? Der Hirte entscheidet sich das eine Schaf zu suchen. Damit signalisiert er die Sicherheit von jedem Einzelnen: Du zählst! Hätte der Hirte auf das eine Schaf verzichtet, wäre jedem Schaf „bewusst“ gewesen, dass auch es im Zweifelsfall verloren wäre. Wenn jedoch der Hirte keine Mühen scheute das einzelne Schaf zu suchen, dann beinhaltet das größtmögliche Sicherheit.

Die Suche konnte mehrere Tage dauern. Die zerklüftete Wüste ist ein unwegsames Gelände und erschwert die Suche.

 5 Und wenn er es gefunden hat, so legt er es mit Freuden auf seine Schultern;

Nachdem der Hirte sein Schaf wiedergefunden hatte, legte er es über beide Schultern. Der Bauch des Tieres wurde gegen den Nacken gedrückt und die vier Beine vor dem Gesicht zusammen gebunden. Mit dieser Technik trugen die Hirten des Nahen Ostens ihre Schafe. So hatten sie das Tier voll unter Kontrolle und noch eine Hand frei zum Klettern.

Als der Hirte sein Schaf gefunden hatte, lag der schwerste Teil seiner Arbeit noch vor ihm. Er musste das schwere Tier durch abgeschiedenes unwegsames Gelände zur Herde tragen. Das war eine extrem anstrengende Arbeit. Es wäre mehr als verständlich, wenn der Hirt geflucht hätte oder gar gehofft, dass das Tier schon tot wäre. Doch der Hirte trägt das Tier mit Freuden (5). Ein tolles Bild über den guten Hirten Jesus, dem keine Last zu schwer ist, ein wiedergefundenes  Schaf zurück zur Herde zu führen. Mit Freude nimmt er diese Mühen und Schmerzen auf sich.

 6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und die Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir! Denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

Zur der damaligen Zeit spielte die Großfamilie ein ganz andere Rolle als in unserer Zeit. Eine Familie lebte normalerweise als Großfamilie in einem Dorf zusammen. Der Zusammenhalt war groß und aus wirtschaftlichen Gründen auch nötig. Daher betraf der Verlust eines Schafes immer auch die gesamte Dorfgemeinschaft. Deshalb freute man sich gemeinsam, wenn ein verlorenes Schaf wieder gefunden und nach Hause gebracht werden konnte.

Genauso ist ein verlorener Mensch ein Verlust für die Familie Gottes. Wenn jemand verloren geht, sollte sie Gemeinschaft trauern. Und der Hirte, der das verlorene „Schaf“ zurückbringt, sollte als Held gefeiert werden.

Die Pharisäer waren als religiöse Führer die „Hirten Israels.“ Deshalb ist es verständlich, warum Jesus sie verantwortlich macht, wenn ein Schaf aus der Herde verloren geht.

Zusammenfassend macht der Hirte vier Dinge:

  • Er übernimmt Verantwortung für den Verlust
  • Er sucht nach dem Schaf ohne auf die Kosten zu achten
  • Er trägt das Schaf trotz der Mühen mit Freude heim
  • Er freut sich mit der Gemeinschaft über den Erfolg seiner Mission

 7 Ich sage euch: So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die die Buße nicht nötig haben.

Mit diesem Satz schließt Jesus die erste Geschichte ab. Damit zeigte er seinen Humor, denn es gibt keine „Gerechten“, die der Buße nicht bedürfen. Daher kann die Freude im Himmel auch nur minimal sein. Jesu Absicht mit dieser Aussage war es die Pharisäer an zwei Bibelstellen zu erinnern. In Jesaja 53,6 steht: „Wir gingen in die Irre wie Schafe“ und in Prediger 7,20: „Denn es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er nur Gutes tue und nicht sündige.“

Mit dieser Aussage erklärt Jesus auch die Bedeutung der Geschichte. Das verlorene Schaf steht für den reumütigen Sünder. Das hätte der Hörer nicht unbedingt erwartet oder doch? Das Schaf steht für Reue. Was will Jesus über Reue sagen? Reue hat etwas damit zu tun sich finden zulassen. Das Schaf ist verlorengegangen und hatte keine Überlebenschance mehr. Es kann nicht mehr tun außer zu hoffen, dass der Hirte es findet. Das Schaf, dass sich findet lässt wird zum Symbol für Reue. Reue ist keine Tat, durch die wir unsere Rettung verdienen. Der Sünder lässt sich finden und Heim bringen. Das ist Reue.

Im nächsten Teil geht es um die zweiten Geschichten in der Triologie. Ihr Titel lautet: Die verlorene Münze.

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