Der verlorene Sohn – (Teil 12: Die theologische Bedeutung II)

Nachdem ich in den ersten Teile der Serie versucht habe die Geschichte des verlorenen Sohnes unter Berücksichtigung von kulturellen Aspekte nachzuzeichnen, kommt jetzt eine Zusammenfassung der theologischen Bedeutung des Gleichnisses. Auf welche Bereiche geht Jesus „indirekt“ ein und was will er verdeutlichen? Stark inspiert hat mich dabei ein Buch von Kenneth Bailey. Meine Serie ist eine Buchzusammenfassung angereichert mit eigenen Gedanken.

Freiheit: Gott schenkt dem Menschen eine grundsätzliche Freiheit. Diese Freiheit beinhaltet die Liebe des Vaters abzulehnen und die Beziehung abzubrechen. Der Mensch kann seinen eigenen Wege gehen.

Reue: Das Gleichnis stellt zwei Arten von Reue dar. Einerseits der Versuch als Diener akzeptiert zu werden und andererseits das unverdiente Geschenk des Vaters anzunehmen. Gott will Söhne und keine Diener. Daher beinhaltet wahre Buße immer auch Sohn-werden.

Gnade: Die Geschichte berichtet von zwei Söhnen, die sich von ihrem Vater entfernen. Beiden geht der Vater entgegen, beide werden geliebt, beiden bietet er Versöhnung an, beiden wird unverdiente Gnade geschenkt und doch nimmt nur der jüngere Sohn das Geschenk an. Der Unmoralische erkennt Gottes Gnade und nimmt sie an, der Moralische versteht sie nicht und lehnt wütend ab. Die Botschaft Jesus hat nichts mit drinnen oder draußen zu tun, mit moralisch oder unmoralisch, konservativ oder liberal, religiös oder unreligiös. Das wird gerne verwechselt. Wir teilen die Welt gerne auf. Doch die Botschaft Jesu ist anders: „Jeder ist auf dem falschen Weg. Daher brauchst du meine  Gnade. Ich liebe dich, egal was bisher war. Ich will mich mit dir versöhnen. Nimmst du mein Angebot an?“

Wenn immer wir glauben Gott durch gute Werke gefallen und ihn auf seine Seite ziehen zu wollen machen, wird es im Zorn auf ihn und deine Mitmenschen enden.

Gnade ist freiwillige, unverdiente Liebe von Herzen, die nie aufgibt, sucht, leidet und retten kann.

Freude: Der Vater freut sich, dass er seinen Sohn wieder gefunden hat und der Sohn freut sich über das Gefundenwerden und die Versöhnung.

Gott als Vater: Gott wird als barmherziger Vater dargestellt. Er liebt alle Menschen und will sich mit ihnen versöhnen. Er ist bereit den Preis der Versöhnung zu zahlen.

Mensch als Sohn: Beide Söhne definieren Sohnschaft als Vater-Diener-Verhältnis. Der jüngere Sohn kommt zu seinem Vater und bietet ihm an sein Diener zu sein. Der ältere Sohn beschwert sich darüber, dass der Vater seine makellose Diener-Sein nicht wertschätzt. Der Vater lehnt bei beiden ihre Definition ab und bietet ihnen stattdessen seine kostspielige Vaterliebe an.

Christologie: Der Vater nimmt die Rolle des leidenden Knechtes ein, der seine unerwartete und unverdiente Liebe bei beiden Söhnen demonstriert. Er gibt seine Stellung auf und begegnet ihnen als Diener und bietet ihnen Tischgemeinschaft an.

Ekklesiologie: Wiederherstellung der Beziehung zum Vater bedeutet Eingliederung in die Dorfgemeinschaft. Weil die Beziehung zum Vater wieder in Ordnung ist, wird der Sohn ihm Dorf wieder akzeptiert. Übertragen gilt das für die Gemeinde. Familie und Dorfgemeinschaft ist eine Metapher für die Gemeinde.

Inkarnation: Der Vater verlässt seine Stellung und geht zu seinen Söhnen. Er begegnet ihnen dort wo sie sind. Das ist ein Bild für die Menschwerdung Jesu. Er verlässt die himmlische Gemeinschaft mit seinem Vater und wird Mensch und lässt sich von seinen Mitmenschen sogar hinrichten.

Eschatologie: Das Fest ist ein Bild auf die zukünftige Gemeinschaft in der neunen Welt/Himmel (Neuschöpfung).

Zu den anderen Teilen der Serie geht es hier: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10 und Teil 11.

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Der verlorene Sohn (Teil 5: Der gesichtswahrende Plan)

Das ist der fünfte Teil meiner Serie zur Geschichte vom verlorenen Sohn, die Jesus erzählte, um auf das Murren der Pharisäern und Schriftgelehrten einzugehen. Ich werde darin besonders auf die kulturellen Besonderheiten eingehen. Gedanken zur Vorgeschichte und den zwei Geschichten, die Jesus unmittelbar vor der Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt hat, habe ich im ersten, zweiten und dritten Teil festgehalten. Im vierten Teil geht es um den Anfang der Geschichte vom verlorenen Sohn. (Wenn ihr auf den unterstrichen Text klickt, gelangt ihr zum entsprechenden Text).  Jetzt folgt die Fortsetzung:

 13 Und nach nicht vielen Tagen brachte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste weg in ein fernes Land, und dort vergeudete er sein Vermögen, indem er verschwenderisch lebte.

„Alles zusammenzubringen“ bedeutet wörtlich „alles in Geld verwandeln.“ Es ist außergewöhnlich, dass der jüngere Sohn sein Erbteil in wenigen Tagen verkaufte. Im Nahen Osten wird schon bei kleinsten Transaktionen tagelang verhandelt. Der jüngere Sohn wollte das aber nicht und verkaufte stattdessen um jeden Preis. Die Folge war, dass er seinen Erbanteil billig verkauften musste. Er hat ihn also zu einem Schleuderpreis vertrieben. Der Grund für dieses Verhalten liegt in der Verachtung seinen Tuns durch das Dorf. Keiner hätte sein Verhalten gut geheißen. Und so verließ er eilig seine Heimat und Familie und ließ zerstörte Beziehungen und einen verzweifelnden Vater zurück.

Der Sohn ging mit seiner Entscheidung ein großes Risiko ein. Sollte er sein Geld unter den Heiden verlieren, hätte er niemanden mehr. Er hatte nicht mehr die Möglichkeit nach Hause zu kommen. Keiner würde ihn aufnehmen. Mit Grund dafür ist eine jüdische Sitte Namens „Kezazah“. „Kezazah“  bedeutet das Abschneiden. Würde ein jüdischer Junge sein Erbe unter Heiden vergeuden und dennoch zurückkommen, würde die Dorfgemeinschaft einen großen Tontopf vor ihm zerschmettern und rufen: „Du bist von deinem Volk abgeschnitten.“

Dennoch zog er von dannen in ein fernes Land. Es wird nicht näher beschrieben wohin genau außer, dass er von seinem eigenen Volk weg ging. Er war unter Nichtjuden, denn sie aßen Schweinefleisch (15).

Dort vergeudete er sein Vermögen. Wie er sein Geld verschwendete wird nicht gesagt. Die Auslegungstradition vermutet, dass er es auf unmoralische Art ausgab, doch das bleibt letztlich Spekulation. Was es zeigt, dass er unklug und nicht verantwortungsvoll mit dem Geld umging. Er wird sich neue Freunde gesucht haben. Da Großzügigkeit eine große Tugend ist, wird er versucht haben in seiner neuen Heimat durch große Feste und teure Geschenke Freunde und Status zu gewinnen. Dabei wird er selbst für die kulturellen Verhältnisse mächtig überzogen haben, denn sonst würde sein Handeln nicht als prassen oder vergeuden beschrieben werden.

 14 Als er aber alles verzehrt hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er selbst fing an, Mangel zu leiden.

Der jüngere Sohn hatte endlich das Leben, dass er sich so ersehnt hatte. Nun konnte er leben wie er wollte. Doch sein neuer Lebensstil hatte eine Schattenseite. Sein Umgang mit Geld war verantwortungslos und maßlos. Er vergeudete nicht nur einen Teil, sondern alles. Anstatt zu investieren und längerfristig zu denken, lebte er für den Moment. Bald schon war alles verzehrt. Zu allem Überfluss kam auch noch eine gewaltige Hungersnot hinzu. Zum für ihn ungünstigen Zeitpunkt musste die Region Not leiden. Hätte er vorher eine solche Hungersnot durch sein Vermögen überbrücken können trifft sie ihn jetzt voll. Zum wahrscheinlich ersten Mal in seinem Leben muss er Mangel leiden. Ein ganz neues Gefühl. Jetzt wird im klar, dass er in einer ganz schwierigen Situation war. Er hatte alles falsch gemacht. Zurückkehren zu seinem Vater bzw. in sein Dorf war keine Option für ihn. Er müsste die Verachtung seines Bruders ertragen. Die Familie lebte nur noch von seinem Vermögen. Er müsste vom Erbe seines Bruders leben. Wie gerne die Familie das mit ihm teilt würde ist klar. Außerdem müsste er sich der Dorfgemeinschaft stellen. Er hatte ihre heiligen Regeln missachten. Hohn und Spott erwarteten ihn und er musste mit dem Kezazah-Ritual rechnen. Daher ist er eher bereit alles zu erdulden, als seinen Stolz aufzugeben und in Demut zu seiner Familie zurückzukehren.

 15 Und er ging hin und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes, der schickte ihn auf seine Äcker, Schweine zu hüten.

Weil er nicht zurückkehren wollte musste er sich einem Bürger des Landes anhängen. Die Wortwahl Bürger deutet darauf hin, dass es sich um einen wohlhabenden Mann handelt. Nicht alle Einwohner eines Landes besaßen den Bürger-Titel. Er gehörte zu den Privilegierten des Landes. Dass der jüngere Sohn sich diesem Bürger anhängte, muss nicht heißen, dass dieser ihn freiwillig mit Arbeit versorgte. Dahinter wird eher eine typisch nahöstliche Vorgehensweise liegen. Arbeitslose und/oder arme Menschen bieten sich Reichen häufig auf sehr aufdringliche Weise an. Noch heute kann man das feststellen, z. B. wenn einem das Auto einfach geputzt wird oder Menschen einem folgen, die Taschen aus der Hand reißen, um sie zu tragen. Alle Versuche sie loszuwerden sind vergeblich. Stattdessen erwarten sie für ihre „loyalen und hilfsbereiten Dienste“ ein Entgeld. Sie haben sich quasi an sie „gehängt“. Ähnlich wird es wohl in der Geschichte gewesen sein. Der Bürger des fernen Landes wollte dem Ausländer wahrscheinlich gar nicht helfen und versuchte ihn loszuwerden. Das versuchte er indem er ihm eine Arbeit anbot, die dieser bestimmt ablehnen würde. Auch das ist eine typisch nahöstliche Vorgehensweise. Weil man niemand direkt ablehnen (z. B. kündigen) kann, macht man ihm ein Angebot, das er ablehnen wird. Ein Chef kündigt seinem Angestellten nicht, sondern teilt ihm eine neue Aufgabe zu, die dieser nicht tun wird. So ging auch der reiche Bürger vor, schließlich werden jeden Tag Bettler bei ihm vorbeikommen.

Der Sohn war als Jude bekannt gewesen. Juden verabscheuten Schweine. Sie waren unrein. Im Nahen Osten werden Schweine von Juden wie Moslems bis heute abgelehnt. Deshalb bot der Bürger ihm an Schweine zu hüten. Er rechnete mit einer Absage. Hätte der Sohn nur einen Funken Ehrgefühl gehabt, hätte er das Angebot abgelehnt. Doch zur Überraschung des Mannes wie der Zuhörer der Geschichte nahm der jüngere Sohn diesen Job an und hütete Schweine. Er wird keine modernen Viehwirtschafts vorgefunden haben. Schweine wurden normalerweise nicht als Nahrung gehalten, sondern dienten als dörfliche Mühlabfuhr. Der Sohn war ganz unten angekommen. Ohne Familie und als Ausländer in einem fernen Land, arm, obdachlos und mit knurrendem Magen ging er der erniedrigenden Aufgabe nach.

16 Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Schweine fraßen; und niemand gab ihm. 

Der Tiefpunkt war aber noch nicht erreicht. Die Arbeit gab ihm bei weiten nicht was er erhoffte. Er litt Hunger. So sehr, dass er sehr gerne die Schoten gegessen hätte. Begehren ist ein sehr ausdrucksstarkes Wort (Lk 22,15). Es wird auch für die sexuelle Begierde gebraucht. Er verspürte ein starkes Verlangen nach Schweinefutter. Die für die Hirten übriggelassenen Schweinefleischbrocken wollte er nicht essen. Schweine zu füttern war abstoßend genug.

Der Vers sagt nicht, dass er Schoten aß. Er erwähnt sein Verlangen danach. Letztlich besagt es, dass der Sohn sich wünschte ein Schwein zu sein. Ihnen ging es besser als ihm, denn sie hatten wenigstens zu essen.

In seiner Verzweiflung versuchte er zu betteln. Ohne Erfolg! Niemand gab ihm etwas. Noch versucht er durch Betteln irgendwie über die Runden zu kommen. Noch denkt er nicht darüber nach, nach Hause zu gehen. Der drohende Spießrutenlauf ist keine Option für ihn.

17 Als er aber in sich ging, sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluß an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger.  18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir,  19 ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen! Mach mich wie einen deiner Tagelöhner!

In seiner Not ging der Sohn in sich. Er wurde schlau. Das Ergebnis seiner Reflektion ist es nach Hause zu gehen. Sein Plan: Seinen Vater dazu zu bewegen, ihn als Arbeiter anzustellen und ihm dann mit dem verdienten Geld das verprasste Erbe zurückzuzahlen, um wieder Aufnahme in die Dorfgemeinschaft zu bekommen.

Eine entscheidende Frage an dieser Stelle ist: Bereute er seine Tat? Viele Ausleger meinen, dass sein Selbstgespräch seine Reue zeigt. Doch ist dem wirklich so? Ich bezweifle das. In seinem Selbstgespräch ist lediglich von seinem Verlangen nach Essen die Rede. Sein Problem ist sein Hunger und den muss er stillen, denn sonst kommt er um. Alle bisherigen Versuche sind gescheitert. Daher muss er jede Option in Erwägung ziehen. Und da kommt sein Vater wieder ins Spiel. Seine Arbeiter haben genug Brot zum Essen. Brot war das Grundnahrungsmittel. Alle Mahlzeiten bestanden aus Brot. Und davon gab es bei seinem Vater im Überfluss. Brot in Fülle zum Essen zu haben war fast schon ein Luxus, der nur Wenigen vergönnt war. Bei seinem Vater konnte er das bekommen. Ihm geht es nicht um die Beziehung zu ihm. Er will nicht mehr sein Sohn sein. Er will Essen und er will das verlorene Geld zurückzahlen. Scheinbar sieht er keine Möglichkeit im fernen Land einem Beruf nachzugehen, sich ausbilden zu lassen oder selbständig zu machen. Er brauchte jemand, der ihn in seine Arbeiterschaft aufnahm.

Daher fragt er sich, wie er seinen Vater nach allem was passierte dazu zu bringen kann, ihm seine Bitte zu erfüllen. Er denkt an Geld und merkt nicht, dass es dem Vater um die Beziehung geht. Für den Vater ist das übertretene Gesetz nicht das Problem, sondern die durch sein Gehen zerstörte Beziehung. Aufgrund dieses „falschen“ Gedankengangs sucht der Sohn sich eine „Beichte“ auszudenken.

Der erste Satz: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“ klingt reumütig. Doch er ist es nicht. Jesus wählt diesen Satz und konnte erwarten, dass ihn die Pharisäer einordnen können. Er ist eine freie Wiedergabe der Worte des Pharaos nach den ersten neun Plagen (vgl. 2Mo 10,16). Die Pharisäer wusste, dass der Pharao nicht wirklich Reue empfand, sondern versuchte Moses zu manipulieren. Der Sohn hat eine ähnliche Absicht. Er will keine Gnade, sondern eine Arbeit. Deshalb bietet er auch seinem Vater an Tagelöhner zu werden. Er hätte ihm auch anbieten können sein Sklave zu werden. Dann würde er aber kein Geld bekommen und könnte den finanziellen Verlust nicht ausgleichen.

Seine Bitte ein Handwerker zu sein beinhaltet folgende Dinge:

1. Als Handwerker könnte er in einem Nachbardorf mit anderen Handwerker wohnen und nicht bei der Familie. Er könnte sich so zumindest ein wenig seinem Heimatdorf, seinem Bruder und Vater entziehen. Um bei seinem Vater zu wohnen, müsste er seinen älteren Bruder wieder als Bruder annehmen.

2. Er erhoffte sich seinen Verlust wieder gut zumachen. Er zeigte dadurch, dass er bereit ist seinen Fehler auszubügeln und erhoffte sich dadurch Respekt verdienen zu können.

3. Es geht hier um den Unterschied zwischen Kind-Sein und Diener-Sein. Der jüngere Sohn hat es abgelehnt seine Verantwortung als Sohn zu übernehmen, nachdem er sein Erbe bekommen hat. Jetzt will er nicht wieder Sohn werden. Sein Vater soll sein Herr und Meister sein und er kann Knecht sein. Die theologische Frage dahinter ist: Sind wir Diener Gottes oder Kinder Gottes?

4. Er hat noch nicht verstanden, was er eigentlich gemacht hat. Er geht davon aus, dass wenn er das Geld zurückgehalt hat, alles wieder in Ordnung ist. Doch es geht nicht ums Geld, sondern um die Beziehung. Der Sohn versucht nicht die Beziehung wiederherzustellen, sondern den finanziellen Verlust zu beheben.

5. Versöhnung gehört nicht zu seinem Plan. Er will essen und seine „Schulden“ abbezahlen.

Fazit: Er ist immer noch Verloren und kehrt nicht wirklich zurück, denn er will die Knechtschaft und keine Sohnschaft.

Weiter mit dem sechsten Teil geht es hier.

Der verlorene Sohn (Teil 3: Die verlorene Münze)

Das ist der dritte Teilo meiner Serie über die Geschichte vom verlorenen Sohn.  Zum ersten Teil auf HIER klicken und zum zweiten Teil gelangen sie, wenn sie auf DORT klicken.

Die zweite Geschichte

 8 Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, eine Lampe an und kehrt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet?  9 Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freut euch mit mir! Denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.  10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“

In der zweiten Geschichte geht es um eine Frau die eine Silbermünze verloren hat. Wieder geht es um verlieren, suchen und finden. Erstaunlich ist, dass Jesus in dieser Geschichte eine Frau zur Protagonisten macht. Wenn Jesus der gute Hirte ist, dann ist Jesus auch die gute Frau. Die Zuhörer sollten diese Schlussfolgerung ziehen. Der Mensch ist als Mann und Frau Gottes Ebenbild. Gott vereint weibliche und männliche Attribute. Daher kann Jesus sich als Frau sehen.

Diese Frau besitzt zehn Münzen. Es handelt sich vermutlich um eine Drachme, eine 4,3 Gramm schwere silberne griechische Münze. Ein solche Münze ist der gängige Tageslohn eines Arbeiters.

Es gibt zwei Möglichkeiten in Bezug auf den kulturellen Hintergrund der Geschichte. Eine Möglichkeit ist, dass die Frau die Münzen an einer Kette um den Hals trug. Dieser Schmuck wird als „Frauenbank“ bezeichnet. Es ist ihr weltlicher Besitz und ihre finanzielle Sicherheit, wenn der Mann sich von ihr schieden lässt oder stirbt. Eine dieser Münzen wäre dann abgefallen und sie hätte ein Teil ihrer Notfallversorgung verloren. Die zweite Möglichkeit scheint mir aber wahrscheinlicher. Bäuerliche Frauen trugen ihr Münzgeld in einem fest geknoteten Lappen bei sich. Damit konnten sie Essen besorgen und für den Unterhalt der Familie sorgen. Die Höhe der Summe deutet darauf hin, dass das Geld für eine längere Zeit (1-2 Wochen) reichen musste. Der Knoten hatte sich wohl gelöst und eine Münze ist herausgefallen. Eine Unachtsamkeit, für die die Frau selbst verantwortlich war. Sie hatte den Knoten nicht fest genug zugebunden.

Die Dorfhäuser in der Gegend Galiläa bestanden normalerweise aus Kalkpflaster oder aus glatten, ungehauenen Steinen aus schwarzem Basalt. Bei solchen Materialien entstanden mit der Zeit Risse im Boden, in die das Geld leicht fallen konnte. Das erschwerte die Suche natürlich. Hinzu kam, dass die Wände aus tiefschwarzem Basalt bestanden, die die Räume sehr dunkel machten. Auch durch die engen Fenster kam wenig Licht in die Wohnung. Daher musste die Frau ihre Lampe anzünden.

Und so suchte die Frau voller Energie in ihrem Haus nach der einen Münze. Sie wird sich sicher gewesen sein, dass sie die Münze nur im Haus verloren haben konnte. Das Bild vom Haus wählt Jesus mit gutem Grund. Die verlorene Münze steht für die verlorenen Sünder. Und sie gehören genauso zum Haus Gottes. Sie waren/sind Teil des Reichtums Gottes und sie konnte wiedergefunden werden. Wenn Jesu Kritiker auch suchen würden, könnten sie sie wieder zurückbringen. Stattdessen wenden sie sich verächtlich von ihnen ab.

Die Frau kann für den Verlust ihres Geldes mehr verantwortlich gemacht werden als der Hirte für das Verschwinden des Schafes. 100 Schafe im unwegsamen Gelände zu überblicken ist eine weitaus schwierigere Aufgabe als auf einen zusammengeknoteten Lappen aufzupassen. Die Frau hat dagegen keine Ausrede. Sie hat es verbockt. Wahrscheinlich hat sie sich selbst Vorwürfe gemacht: Wie konnte mir das passieren? Warum war ich unachtsam? Daher übernimmt die Frau auch die volle Verantwortung. Während der Hirte indirekt spricht: „mein Schaf, dass verloren war“ (6), spricht die Frau ganz offen über ihren Fehler: „ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte“ (9).

Wie der Hirte rief auch die Frau ihre Nachbarn und Freunde zusammen, um den Fund zu feiern. Auch hier kommen die kulturellen Sitten zum Vorschein. Die Frau feiert mit Frauen, während der Hirte mit Männern feiert. Nach den kulturellen Sitten wäre es für beide unangebracht gewesen mit dem jeweilig anderen Geschlecht zu feiern. Für die Frau war die wiedergefundene Münze ein Grund zu feiern. Einen ganzen Arbeitslohn aufgrund einer Dummheit zu verlieren war ein echtes Ärgernis. Die Freude bei ihr ist sehr verständlich. Und ist es nicht schön „Siege“ zu feiern? Ja, ähnlich wird es auch bei einem Zöllner sein, der zu Gott findet. Es löst große Freude aus, die in einer Feier ihren Ausdruck findet.

Buße ist auch in dieser Geschichte ein sich findenlassen. Das Schaf konnte aufgrund seines mangelnden Orientierungssinn nicht zurückfinden oder zumindest war es fast ausgeschlossen. Während das Schaf sich irgendwie fortbewegen konnte, lag die Münze einfach herum. Hätte die Frau nicht gesucht, würde die Münze noch immer unentdeckt irgendwo im Haus liegen. Vielleicht würde sie irgendwann ein Archäologe finden, aber dann auch nur, weil er Sucher ist. Gott ist ein Sucher! Er sucht, um zu finden und zurückzuholen. Und Gott liebt die Party. Für jeden Gefundenen schmeißt er eine Sause.

Das war die zweite Geschichte. Ihr findet sich eine zweifache Steigerung, die in der dritten und letzten Geschichte nochmals getoppt wird. In der ersten Geschichte ist das Verhältnis des Verlustes 1:100. In der zweiten Geschichte dann schon 10:1 und in der dritten Geschichte handelt es sich um einen von zwei. Die zweite Steigerung bezieht sich auf den Ort. In der ersten Geschichte befindet sich das verlorene Schaf in der Wüste. Die verlorene Münze befindet sich irgendwo im eigenen Haus. Die beiden Söhne in der dritten Geschichte sind verloren, weil sie aus dem Einflussbereich der Liebe des Vaters getreten sind.

Zur dritten Geschichte, der Geschichte vom verlorenen Sohn, und damit den nächsten Teil der Serie geht es HIER.

Der verlorene Sohn (Teil 2: Das verlorene Schaf)

Um die Geschichte des verlorenen Sohnes zu verstehen müssen wir den Kontext uns anschauen. Bevor Jesus zu dieser Geschichte kommt, erzählt er zwei andere Geschichten. Alle drei geschichten gehören zusammen. Darüber wer die Adressaten diese Geschichten sind und warum habe ich im ersten Teil geschrieben. Dazu einfach auf HIER klicken.

Die erste Geschichte

3 Er sprach aber zu ihnen dieses Gleichnis und sagte:

Hinein in diese Situation erzählt Jesus dieses Gleichnis (EZ). Das Gleichnis besteht aus drei Geschichten, die eine Einheit bilden. Wem erzählt er das Gleichnis? Mit „ihnen“ (3) sind eindeutig die murrenden Schriftgelehrten und Pharisäer gemeint. Damit ist das Gleichnis an eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen gerichtet. An Menschen, die sich daran störten, dass Jesus in Beziehung mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft lebte.

 4 Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eins von ihnen verloren hat, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?

Jesus nimmt ein Beispiel aus der Landwirtschaft. Die Pharisäer verdienten ihren Lebensunterhalt durch normale Arbeit. Das wurde von ihnen erwartet. Wer die Tora unterrichtete, durfte sich dafür nicht bezahlt lassen. Daher konnte Jesus die Pharisäer als Arbeiter ansprechen. Allerdings werden sie kaum Hirten gewesen sein, denn diese galten als unrein. Die Hirten waren normalerweise arme Männer, die ein Leben voller Entbehrungen führten. Möglich dagegen ist, dass sie Schafe besaßen. Doch sie hätten sich nicht selbst um sie gekümmert, sondern Hirten angestellt. Kein Gelehrter würde seinen Tag damit verbringen mit den Schafen durch die Gegend zu ziehen. Von daher war die Frage Jesu ungewöhnlich, denn aus Sicht der Pharisäer hätte sie eher lauten müssen: Wenn ein Herr von seinen Hirten erfuhr, dass ein Schaf verloren ging, dann hätte er den zuständigen Hirten losgeschickt, dass Schaf zu suchen.

Jesus verwendet in seiner Eingangsfrage die interessante Formulierung: „wenn er eines von ihnen verliert.“ Damit missachtet Jesus die normale indirekte Sprachgewohnheit seiner Zeit. Normalerweise gibt man sich die Schuld nie selbst und hätte formuliert: „wenn ein Schaf sich verlaufen hat“ oder „wenn ein Schaf verloren gegangen ist.“ Jesus dagegen spricht den Hirten direkt an und nimmt keine Rücksicht auf sein Ehrempfinden. Diese Abweichung ist wichtig. Letztlich sagt Jesus zu den Pharisäern: „Ihr habt euer Schaf verloren. Ich habe es gesucht und gefunden. Und jetzt kommt ihr  zu mir und beklagt euch. Was für eine Unverschämtheit! Schließlich bringe ich eure Fehler in Ordnung.“

Hundert Schafe zu besitzen ist ein beachtlicher Reichtum. War es nun vernünftig 99 Schafe zurückzulassen und das eine zu suchen? Die Frage dahinter ist was mehr zählt: der Eine oder das Kollektiv? Der Hirte entscheidet sich das eine Schaf zu suchen. Damit signalisiert er die Sicherheit von jedem Einzelnen: Du zählst! Hätte der Hirte auf das eine Schaf verzichtet, wäre jedem Schaf „bewusst“ gewesen, dass auch es im Zweifelsfall verloren wäre. Wenn jedoch der Hirte keine Mühen scheute das einzelne Schaf zu suchen, dann beinhaltet das größtmögliche Sicherheit.

Die Suche konnte mehrere Tage dauern. Die zerklüftete Wüste ist ein unwegsames Gelände und erschwert die Suche.

 5 Und wenn er es gefunden hat, so legt er es mit Freuden auf seine Schultern;

Nachdem der Hirte sein Schaf wiedergefunden hatte, legte er es über beide Schultern. Der Bauch des Tieres wurde gegen den Nacken gedrückt und die vier Beine vor dem Gesicht zusammen gebunden. Mit dieser Technik trugen die Hirten des Nahen Ostens ihre Schafe. So hatten sie das Tier voll unter Kontrolle und noch eine Hand frei zum Klettern.

Als der Hirte sein Schaf gefunden hatte, lag der schwerste Teil seiner Arbeit noch vor ihm. Er musste das schwere Tier durch abgeschiedenes unwegsames Gelände zur Herde tragen. Das war eine extrem anstrengende Arbeit. Es wäre mehr als verständlich, wenn der Hirt geflucht hätte oder gar gehofft, dass das Tier schon tot wäre. Doch der Hirte trägt das Tier mit Freuden (5). Ein tolles Bild über den guten Hirten Jesus, dem keine Last zu schwer ist, ein wiedergefundenes  Schaf zurück zur Herde zu führen. Mit Freude nimmt er diese Mühen und Schmerzen auf sich.

 6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und die Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir! Denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

Zur der damaligen Zeit spielte die Großfamilie ein ganz andere Rolle als in unserer Zeit. Eine Familie lebte normalerweise als Großfamilie in einem Dorf zusammen. Der Zusammenhalt war groß und aus wirtschaftlichen Gründen auch nötig. Daher betraf der Verlust eines Schafes immer auch die gesamte Dorfgemeinschaft. Deshalb freute man sich gemeinsam, wenn ein verlorenes Schaf wieder gefunden und nach Hause gebracht werden konnte.

Genauso ist ein verlorener Mensch ein Verlust für die Familie Gottes. Wenn jemand verloren geht, sollte sie Gemeinschaft trauern. Und der Hirte, der das verlorene „Schaf“ zurückbringt, sollte als Held gefeiert werden.

Die Pharisäer waren als religiöse Führer die „Hirten Israels.“ Deshalb ist es verständlich, warum Jesus sie verantwortlich macht, wenn ein Schaf aus der Herde verloren geht.

Zusammenfassend macht der Hirte vier Dinge:

  • Er übernimmt Verantwortung für den Verlust
  • Er sucht nach dem Schaf ohne auf die Kosten zu achten
  • Er trägt das Schaf trotz der Mühen mit Freude heim
  • Er freut sich mit der Gemeinschaft über den Erfolg seiner Mission

 7 Ich sage euch: So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die die Buße nicht nötig haben.

Mit diesem Satz schließt Jesus die erste Geschichte ab. Damit zeigte er seinen Humor, denn es gibt keine „Gerechten“, die der Buße nicht bedürfen. Daher kann die Freude im Himmel auch nur minimal sein. Jesu Absicht mit dieser Aussage war es die Pharisäer an zwei Bibelstellen zu erinnern. In Jesaja 53,6 steht: „Wir gingen in die Irre wie Schafe“ und in Prediger 7,20: „Denn es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er nur Gutes tue und nicht sündige.“

Mit dieser Aussage erklärt Jesus auch die Bedeutung der Geschichte. Das verlorene Schaf steht für den reumütigen Sünder. Das hätte der Hörer nicht unbedingt erwartet oder doch? Das Schaf steht für Reue. Was will Jesus über Reue sagen? Reue hat etwas damit zu tun sich finden zulassen. Das Schaf ist verlorengegangen und hatte keine Überlebenschance mehr. Es kann nicht mehr tun außer zu hoffen, dass der Hirte es findet. Das Schaf, dass sich findet lässt wird zum Symbol für Reue. Reue ist keine Tat, durch die wir unsere Rettung verdienen. Der Sünder lässt sich finden und Heim bringen. Das ist Reue.

Im nächsten Teil geht es um die zweiten Geschichten in der Triologie. Ihr Titel lautet: Die verlorene Münze.