Warum «ticken» Menschen so verschieden?

Die Basismentalitäten prämodern, modern, postmodern haben ihre Bedeutung für die Gemeindearbeit.

Vor kurzem Vater geworden, mache ich mir Gedanken, in welche Welt hinein unser Kind geboren ist. Unweigerlich vergleiche ich sie mit der Welt meiner Geburt und der meiner Eltern und Grosseltern. Rasante Veränderungen! Die Welt ist ein Dorf geworden, stark vernetzt und hochtechnologisiert. Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft. Das prägt unser Denken. Aber nicht alle kommen gleich mit und wollen mit der Zeit denken.

Heinzpeter Hempelmann beschreibt in seinem gleichnamigen Buch drei in unserer Gesellschaft vorkommende Basismentalitäten: prämodern, modern und postmodern. Die Begriffe sind weder wertend noch klar abgrenzend. Sie sollen helfen, den Anderen besser zu verstehen, uns quasi einen «Reim» auf ihn zu machen.

Drei Blickrichtungen

  • Die prämoderne Mentalität ist vor allem traditionsbewusst. Das Frühere ist das Ursprüngliche und damit das Unverfälschte, Richtige und Gute. Der Blick ist in die Vergangenheit gerichtet mit einem Hang zum Absoluten.
  • Die moderne Mentalität ist die Haltung der kritischen Rationalität. Die gegenwärtigen Verhältnisse werden logisch analysiert, um sie zu verbessern.
  • Die postmoderne Mentalität ist bunt, vielfältig und pluralistisch. Jeder darf und soll auf seine Weise glücklich werden, ohne jemandem zu schaden. Um das zu erreichen, denkt er konsequent relativistisch und gibt verbindliche Sicherheiten auf.

Wenden wir die drei Mentalitäten auf das Verständnis von Kirche und Gemeinde an. Für den prämodern denkenden Menschen ist Kirche Heimat und gibt Sicherheit. In ihr wird die unveränderliche Wahrheit bewahrt und nicht dem Zeitgeist unterworfen. Der liturgische Gottesdienst hat sich bewährt und soll bleiben. Es muss darin nicht alles verstanden werden, denn der heilige Gott soll ein Geheimnis bleiben. Viel wichtiger ist, dass die unveränderbare Herrlichkeit Gottes würdevoll gefeiert wird. Dafür zu sorgen hat die Pfarrperson, der Vertrauen zu schenken ist.

Mit der Zeit gehen

Für den modern denkenden Menschen ist Kirche dagegen ein Ort, für den er sich bewusst entschieden hat. Von ihr erwartet er einen ansprechenden, frischen Gottesdienst, die Möglichkeit von interessenabhängiger Mitarbeit und gesellschaftliches Engagement. Dabei muss Kirche «mit der Zeit gehen» und neue Elemente und Formate in das Bewährte einbauen. Die Pfarrperson ist Impulsgeber und steht auf derselben Ebene wie die Gemeindemitglieder.

Beständig ist der Wandel

Für den postmodern denkenden Menschen ist das einzig Beständige der Wandel. Wechselnde Orte, an denen er sich wohlfühlt, sind ihm Kirche. Das kann gerne eine alte Kathedrale sein, aber auch ein Wohnzimmer oder eine Kneipe. Kirche ist für ihn Kirche, wenn sie sich seiner Lebenslage anpasst. Gottesdienst ist dann spannend, wenn er darin vorkommt, einbezogen wird und der Ablauf Optionen bietet. Postmoderne wollen nicht einfach eine halbe Stunde einer Pfarrperson zuhören, sondern sehen ihn als Moderator, der den Dialog leitet und sinnlich erlebbare Handlungen durchführt.

Wie gehen wir nun mit diesen Unterschieden um? Wir sollten anerkennen, dass keine dieser drei Mentalitäten die allein wahre ist. Sie transportieren alle etwas vom Evangelium. Sie sind alle begrenzt, aber begrenzt berechtigt. Daher sollten wir andere Mentalitäten nicht ausgrenzen, sondern versuchen, von ihnen zu lernen. Sie können uns einen neuen Zugang zu Kirche schenken und den eigenen Horizont erweitern.

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 6/2019 von Wort+Wärch abgedruckt.

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IKEA und die Kirche

(Bild von: selecteddesign.com)

Auf die Frage, warum in Schweden Sonntagmorgens mehr Menschen in den IKEA gehen als in die Kirche, antwortete ein IKEA-Kunde: „Weil ich jedes Mal mit etwas Nützlichem von IKEA nach Hause komme.“

Was sagt uns das als Prediger, Pastoren, Pfarrer, Kirchenmitarbeiter, Christen?

Straßenumfrage: Inwiefern findest du es zeitgemäß heutzutage Mitglied der Kirche zu sein?

Das Jugendportal „jetzt“ der Süddeutsche Zeitung hat eine Straßenumfrage veröffentlicht: Inwiefern findest Du es zeitgemäß heutzutage Mitglied der Kirche zu sein? Die Antworten sind spannend, wenn auch nicht überraschend. Hier ein paar von mir ausgewählte Statements:

Ina, 20 Jahre, evangelisch meint: „Ich gehe zwar nicht regelmäßig in die Kirche, aber ich finde schon, dass man die Kirche fördern sollte. Immerhin bietet sie Menschen Hilfe und Unterstützung in schwierigen Zeiten. Noch bezahle ich zwar keine Kirchensteuer, aber auch wenn ich das später muss, wäre das kein Argument für mich auszutreten.“

Julius, 24 Jahre, evangelisch, nimmt das anders wahr: „Ich bin zwar noch Mitglied, gehe aber nicht in die Kirche. Sobald Kirchensteuer anfällt werde ich austreten. Warum? Weil die Kirche für mich keine wirklich karitative Einrichtung darstellt und ich nicht wüsste, wofür ich einzahle.“

Teresa, 19 Jahre, katholisch, sagt: „Ich finde die Kirche gibt einem schon in gewisser Weise Halt. Ich gehe zwar nicht sehr oft in die Kirche, eben zu Ostern und Weihnachten. Ich singe auch im Chor und da treten wir auch in der Kirche auf. Aber auch wenn die Kirche aus der Mode gekommen ist, möchte ich trotzdem dabei bleiben.“

Kevin, 25 Jahre, konfessionslos, denkt: „Ja ich finde es schon zeitgemäß. Immerhin werden dort Werte vermittelt, die für junge Leute wichtig sein könnten.“

Michael, konfessionslos, 26 Jahre, ist der Meinung: „Ich bin vor zwei Monaten aus der katholischen Kirche ausgetreten. Primär habe ich mich nie zugehörig gefühlt und aus diesem Grund war ich auch nie dort. Die Werte, die die Kirche vermittelt sind mir zu konservativ.“

Kilian, 26 Jahre, evangelisch, antwortet: „Diese Frage muss sich im Endeffekt jeder Mensch selbst beantworten. Ich gehe zwar nicht in die Kirche, aber ich finde grundsätzlich gut, dass es sie gibt. Besonders das Gemeinschaftserlebnis.“

Was sagt mir das? – Junge Menschen suchen nach Gemeinschaft und Vorbildern, ihnen sind Beziehungen wichtiger als Programme, ihnen reichen gepredigte Werte nicht aus und sie haben ein Gefühl davon, wie Kirche sein sollte, aber sie spüren, dass sie das nicht lebt. Insgesamt vermisse ich den Glaubensbezug. Kirche steht für Halt, Werte, Karitatives. Wo bleibt Jesus?

Wie stehe ich zur Kirche? Ich habe mit ihr gute wie schlechte Erfahrungen gemacht. Ich habe den Glauben an sie aber verloren. Ich will nicht Teil einer großen, anonymen, hierarchischen Institution sein, sondern Teil einer Gemeinschaft, die mir Familie und Team zugleich ist, bei der ich zu Hause bin und einfach sein darf. Mit der ich aber auch gemeinsam meine Stadt und mein Umfeld im Sinne der missio Dei mitgestalten kann.

Wie geht es euch?