Der verlorene Sohn – (Teil 12: Die theologische Bedeutung II)

Nachdem ich in den ersten Teile der Serie versucht habe die Geschichte des verlorenen Sohnes unter Berücksichtigung von kulturellen Aspekte nachzuzeichnen, kommt jetzt eine Zusammenfassung der theologischen Bedeutung des Gleichnisses. Auf welche Bereiche geht Jesus „indirekt“ ein und was will er verdeutlichen? Stark inspiert hat mich dabei ein Buch von Kenneth Bailey. Meine Serie ist eine Buchzusammenfassung angereichert mit eigenen Gedanken.

Freiheit: Gott schenkt dem Menschen eine grundsätzliche Freiheit. Diese Freiheit beinhaltet die Liebe des Vaters abzulehnen und die Beziehung abzubrechen. Der Mensch kann seinen eigenen Wege gehen.

Reue: Das Gleichnis stellt zwei Arten von Reue dar. Einerseits der Versuch als Diener akzeptiert zu werden und andererseits das unverdiente Geschenk des Vaters anzunehmen. Gott will Söhne und keine Diener. Daher beinhaltet wahre Buße immer auch Sohn-werden.

Gnade: Die Geschichte berichtet von zwei Söhnen, die sich von ihrem Vater entfernen. Beiden geht der Vater entgegen, beide werden geliebt, beiden bietet er Versöhnung an, beiden wird unverdiente Gnade geschenkt und doch nimmt nur der jüngere Sohn das Geschenk an. Der Unmoralische erkennt Gottes Gnade und nimmt sie an, der Moralische versteht sie nicht und lehnt wütend ab. Die Botschaft Jesus hat nichts mit drinnen oder draußen zu tun, mit moralisch oder unmoralisch, konservativ oder liberal, religiös oder unreligiös. Das wird gerne verwechselt. Wir teilen die Welt gerne auf. Doch die Botschaft Jesu ist anders: „Jeder ist auf dem falschen Weg. Daher brauchst du meine  Gnade. Ich liebe dich, egal was bisher war. Ich will mich mit dir versöhnen. Nimmst du mein Angebot an?“

Wenn immer wir glauben Gott durch gute Werke gefallen und ihn auf seine Seite ziehen zu wollen machen, wird es im Zorn auf ihn und deine Mitmenschen enden.

Gnade ist freiwillige, unverdiente Liebe von Herzen, die nie aufgibt, sucht, leidet und retten kann.

Freude: Der Vater freut sich, dass er seinen Sohn wieder gefunden hat und der Sohn freut sich über das Gefundenwerden und die Versöhnung.

Gott als Vater: Gott wird als barmherziger Vater dargestellt. Er liebt alle Menschen und will sich mit ihnen versöhnen. Er ist bereit den Preis der Versöhnung zu zahlen.

Mensch als Sohn: Beide Söhne definieren Sohnschaft als Vater-Diener-Verhältnis. Der jüngere Sohn kommt zu seinem Vater und bietet ihm an sein Diener zu sein. Der ältere Sohn beschwert sich darüber, dass der Vater seine makellose Diener-Sein nicht wertschätzt. Der Vater lehnt bei beiden ihre Definition ab und bietet ihnen stattdessen seine kostspielige Vaterliebe an.

Christologie: Der Vater nimmt die Rolle des leidenden Knechtes ein, der seine unerwartete und unverdiente Liebe bei beiden Söhnen demonstriert. Er gibt seine Stellung auf und begegnet ihnen als Diener und bietet ihnen Tischgemeinschaft an.

Ekklesiologie: Wiederherstellung der Beziehung zum Vater bedeutet Eingliederung in die Dorfgemeinschaft. Weil die Beziehung zum Vater wieder in Ordnung ist, wird der Sohn ihm Dorf wieder akzeptiert. Übertragen gilt das für die Gemeinde. Familie und Dorfgemeinschaft ist eine Metapher für die Gemeinde.

Inkarnation: Der Vater verlässt seine Stellung und geht zu seinen Söhnen. Er begegnet ihnen dort wo sie sind. Das ist ein Bild für die Menschwerdung Jesu. Er verlässt die himmlische Gemeinschaft mit seinem Vater und wird Mensch und lässt sich von seinen Mitmenschen sogar hinrichten.

Eschatologie: Das Fest ist ein Bild auf die zukünftige Gemeinschaft in der neunen Welt/Himmel (Neuschöpfung).

Zu den anderen Teilen der Serie geht es hier: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10 und Teil 11.

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Das Bürgerecht im Himmel (Phil 3,20-21)

Bereite mich gerade auf ein Seminar vor im Rahmen des BibelTrainings. Thema wird darin u. a. sein wie es mit uns und dieser Welt weitergehen wird. Dabei spielt folgende Bibelstelle eine bedeutende Rolle:

Denn unser Bürgerrecht ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Retter erwarten,  der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichgestalt mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen.“ (Phil 3,20-21)

Was bedeutet es, dass unser (damit sind die Christen gemeint) Bürgerrecht im Himmel ist? Viele verstehen es so, dass wir als Christen nicht wirklich hier auf der Erde leben. Doch ist es das was Paulus meinte?

Der historische Hintergrund der Passage ist für mich ein SChlüssel zum Verständnis dieser Stelle: Kaiser Augustus hat Philippi im Kampf von Philippi (42 v. Chr.) und im Kampf von Actium (31 v. Chr.) eingenommen und besetzt. Seitdem gehörte sie zum römischen Reich. Hauptstadt des römischen Reiches war bekanntlich Rom. Und Rom war zu der Zeit überbevölkert. Daher hat man andere Städte zu römischen Städte gemacht. Philippi (Griechenland) wurde in diesem Zuge als römische Stadt auserkoren d. h. alle freien Bürger die in Philippi geboren wurden bekamen automatisch die römische Staatangehörigkeit. Damit war ihr Bürgerrecht in Rom. Sie wohnten in Philippi, weit weg von Rom, hatten aber dieselben Rechte wie die Römer. Nicht alle Einwohner von Philippi waren römische Staatsbürger, aber alle kannten die Vorteile. Die Römer erweiterten dadurch letztlich auch ihren Einflussbereich. In diesem Fall im Bereich des östlichen Mittelmeers. Die Kolonien standen loyal zum Kaiser. Sie sollten sogar Vorzeigestädte werden, dem Modell Rom nachempfunden. Im Philippi waren auch viele Kriegsveteranen stationiert. Die Kriegsveteranen wurden bewusst von Rom ferngehalten um dort keinen Ärger zu machen, sondern sollten in der Ferne wichtige Aufgaben übernehmen. Philippi sollte ein „zweites“ Rom werden. Dabei sollten alle mitmachen. Die Priviliegien, der „römischen“ Philipper sollten dazu führen, dass sie halfen Philippi im Sinne Roms zu verändern.

Übertragen kann Paulus mit „Bürgerrecht im Himmel“ daher nicht gemeint haben, dass wir nach dem Tod in den Himmel gehen werden oder schon jetzt obwohl auf der Erde eigentlich im Himmel leben. Im Gegenteil: Paulus sagte ihnen: Euer Bürgerrecht ist im Himmel (nicht in Rom). Und weil euer Bürgerrecht im Himmel ist sollt ihr Philippi im Sinne Gottes verändern. Keiner hätte die Aufforderung des Paulus so verstanden, dass sie jetzt alle Philippi verlassen sollen und nach Rom ziehen. Nein, sie wollten Philippi verändern. Wenn es in Philippi Probleme gab meldeten sie das an Rom und hofften auf Hilfe. Und sie wussten, spätestens wenn der Kaiser kommt, wird sich was ändern. Übertragen bedeutet das: Der König/Kaiser (Jesus) etc. wird vom Himmel auf die Erde (von Rom nach Philippi) kommen, um die Erde (Philippi) zu verändern/zu einem himmlischen Ort machen (Rom). Wir haben alle Rechte des Himmels, um die Erde umzugestalten. Er wird unseren Leib umgestalten (nicht verbessern oder für überflüssig erklären). Er wird unseren gegenwärtigen Körper verändern. Das ist Teil der Veränderung des gesamten Kosmos.

Wie geht es weiter?

Ich möchte euch sehr die Eschatologievorlesung der Pionierakademie vom 5.6-7-6.2009 ans Herz legen. Als Dozenten konnten wir Martin Scott gewinnen.

Wie sieht die Bibel die Welt? Kann uns diese Erde nicht egal sein, schließlich ist unser Bürgerrecht im Himmel? Wird jetzt alles schlimmer oder sollen wir uns engagieren? Wie verhält sich nun der Missionsbefehl zum Schöpfungsauftrag unter Berücksichtigung des Kommenden? Müssen wir Angst vor der Zukunft haben? Fragen über Fragen…

Hier ein Artikel, der weitere Gründe aufzeigt, warum wir uns mit Eschatologie auseinandersetzen müssen.