Mythen über die Weihnachtsgeschichte (2): Die einsame Geburt in einem dreckigen Stall

Im ersten Teil habe ich versucht darzulegen, warum ich glaube, dass Maria und Jospeh sehr wohl von den Bewohnern in Bethlehem aufgenommen wurden. Jetzt wird mir der einen oder andere entgegnen: aufgenommen am Ende schon, aber ein Stall ist nicht gerade eine gemütliche und angemessene Unterkunft für eine Schwangere. Um dieses Argument zu entkräften will ich auf den Geburtsort von Jesus eingehen.

Jesus wurde direkt nach seiner Entbindung in eine  Krippe gelegt. Wir lesen Krippe und denken automatisch an einen Stall oder an eine Scheune – beides keine tollen Orte für eine Geburt. Doch wir sollten bedenken, dass die Häuser zu der damaligen Zeit anders gebaut waren als unsere Häuser. Reiche Menschen hatte normalerweise für ihre Tiere ein separates Gebäude. Nicht so die einfachen Leute. Ihr Haus bestand normalerweise aus zwei Räumen. Ein Raum war exklusiv für Gäste reserviert und im zweiten Raum lebte die Familie. Dieser Raum war quasi das Wohnzimmer (Familienzimmer) inklusive Küche und Schlafzimmer. Dieser Raum war entweder an der Seite zur Tür etwas niedriger oder durch Holzbalken getrennt. Dieser abgetrennte Bereich zum Familienzimmers war der Stall. Jeden Abend wurden die Tiere ins Haus gebraucht, um sie vor dem Wetter und Dieben zu schützen. Ähnlich wie in unseren „alten“ Bauernhöfen lebten Menschen und Tiere unter einem Dach. Die Häuser hatten meist ein Flachdach und waren einstöckig oder hatten im zweiten Stock ein Gästezimmer. Das Gästezimmer konnte aber auch einfach angebaut sein. Folgende Skizze soll das verdeutlichen:

Die Krippen standen etwas vom Stall erhört auf der Ebene des Familienzimmers. Falls die Kühe in der Nacht Hunger hatten, standen sie auf und konnten aus der Krippe essen. Für die Schafe gab es kleineer Krippen, die im Stall standen. Dass Jesus nach der Geburt in eine der Krippen gelegt wurde ist also nicht sehr verwunderlich, noch deutet es auf eine armselige Unterkunft hin.

Nun lautet die Begründung von Lukas, dass Jesus in die Krippe gelegt wurde, weil in der Herberge kein Raum für sie war. Diese Aussage impliziert für uns, dass eine Herberge/Hotel eine Anzahl von Zimmern hat, die alle schon vermietet waren. Doch damit liegen wir nicht ganz richtig. Das Wort Herberge ist etwas irreführend. Das griechische Wort (katalyma), das Lukas an diese Stelle verwendet ist nicht das Wort für ein professionelles oder wirtschaftlich betriebenes Hotel, sondern meint ein Ort zum Übernachten oder Verweilen. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter verwendet Jesus ein anderes Wort, welches auf ein Hotel hindeutet. In einem privaten Haus meint katalyma letztlich das Gästezimmer. Bezogen auf Jospeh und Maria bedeutet das also, dass bei der Familie, die sie aufgenommen haben, dass Gästezimmer schon voll war und sie mit ins Familienzimmer mussten.

Das Familienzimmer wird dann für die Geburt eingerichtet gewesen sein. Die Hebamme und einige Frauen werden Maria bei der Geburt zur Seite gestanden haben. Alles andere wäre unnormal gewesen. Die Vorstellung, dass Maria ganz allein nur mit Joseph an ihrer Seite das Kind in einem Stall zur Welt gebracht hat, kann unmöglich stimmen. Maria hatte die Unterstützung durch die Dorffrauen.

Mythen über die Weihnachtsgeschichte (1): War es wirklich so schwierig für Maria und Joseph eine Unterkunft zu finden?

Die Weihnachtsgeschichte ist eine der bekanntesten und beliebtesten Geschichte der Bibel. An jedem Weihnachtsgottesdienst wird in den Kirchen ein Krippenspiel aufgeführt.  Auch wenn sich die Aufführungen unterschieden geht es meint u.a. die schwierge Suche von Joseph und Maria nach einer Unterkunft. Doch war ihre Suche wirklich so schwierig? Ich habe daran erhebliche Zweifel.

Grund 1: Das Dorfleben im Nahen Osten darf nicht mit unserer stark individualistischen Gesellschaft verglichen werden. Man kannte sie sich und wusste übereinander Bescheid. Es gab viele verwandtschaftliche Beziehungen und auch wirtschaftlich war man aufeinander angewiesen.  Joseph ist in seine Heimatstadt gereist. Seine Vorfahren haben dort gelebt und in der Vergangenheit das Dorfleben  mitgeprägt. Er oder zumindest seine Vorfahren kannte man. Allein von daher ist es äußerst ungewöhnlich, dass niemand sie aufnahm. Gerade wenn man bedenkt, dass Gastfreundschaft eine der höchsten Werte war.

Grund 2: Joseph gehörte zu einer ganz besonderen Familie. Er war königlicher Abstammung und nach unseren Maßstäben damit adelig. Die Familie von David war so berühmt, dass die Stadt sogar nach ihm benannt wurde. Es heißt, dass er „in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt“ reiste (Lk 2,4). Eigentlich ist Jerusalem die Davidsstadt, aber offensichtlich wurde auch Bethlehem so genannt . Als ein Nachkomme David wäre Joseph auf jeden Fall aufgenommen worden.

Grund 3:  Maria war zu der Zeit hoch schwanger. Ihr keine Unterkunft zu geben bedeutet letztlich, dass die Menschen in Bethlehem sich nicht um Schwangere kümmern. Auf hochschwangeren Frauen wurde auch in dieser Gesellschaft Rücksicht genommen. Man war um ihr Wohl besorgt. Daher haben die Dorfbewohner mit Sicherheit einen geeigneten Platz für die beiden bereit gestellt. Einer schwangeren Frau Hilfe vorzuenthalten wäre für jeden ein beschämender Akt.

Grund 4: Hätten Joseph und Maria tatsächlich keine Unterkunft gefunden, wären sie  zu Marias Verwandten gegangen. Ihre Cousine Elisabeth, die sie zuvor besucht hatte, wohnte nur unweit von Bethlehem entfernt. Es wäre nur ein logischer Schritt gewesen zu ihnen zu gehen und bei ihr das Kind zu gebären. Doch das haben sie nicht getan.

Dass Joseph und Maria unter Zeitdruck standen, wie aus den Krippenspielen bekannt, entspricht nicht dem Textbefund des Neuen Testamentes. Lukas berichtet, dass die beiden sich auf den Weg nach Bethlehem machten (4) und als sie dort waren ihre Tage erfüllt waren (6). Viele Christen denken, dass Jesus noch in der Nacht ihrer Ankunft geboren wurde. Doch die Zeit in Bethlehem wird in der Bibel nicht näher beschrieben. Es wäre auf jeden Fall ungewöhnlich, dass die beiden die Schwangerschaft bei ihrer Reiseplanung nicht berücksichtigt haben.

Der verlorene Sohn – (Teil 12: Die theologische Bedeutung II)

Nachdem ich in den ersten Teile der Serie versucht habe die Geschichte des verlorenen Sohnes unter Berücksichtigung von kulturellen Aspekte nachzuzeichnen, kommt jetzt eine Zusammenfassung der theologischen Bedeutung des Gleichnisses. Auf welche Bereiche geht Jesus „indirekt“ ein und was will er verdeutlichen? Stark inspiert hat mich dabei ein Buch von Kenneth Bailey. Meine Serie ist eine Buchzusammenfassung angereichert mit eigenen Gedanken.

Freiheit: Gott schenkt dem Menschen eine grundsätzliche Freiheit. Diese Freiheit beinhaltet die Liebe des Vaters abzulehnen und die Beziehung abzubrechen. Der Mensch kann seinen eigenen Wege gehen.

Reue: Das Gleichnis stellt zwei Arten von Reue dar. Einerseits der Versuch als Diener akzeptiert zu werden und andererseits das unverdiente Geschenk des Vaters anzunehmen. Gott will Söhne und keine Diener. Daher beinhaltet wahre Buße immer auch Sohn-werden.

Gnade: Die Geschichte berichtet von zwei Söhnen, die sich von ihrem Vater entfernen. Beiden geht der Vater entgegen, beide werden geliebt, beiden bietet er Versöhnung an, beiden wird unverdiente Gnade geschenkt und doch nimmt nur der jüngere Sohn das Geschenk an. Der Unmoralische erkennt Gottes Gnade und nimmt sie an, der Moralische versteht sie nicht und lehnt wütend ab. Die Botschaft Jesus hat nichts mit drinnen oder draußen zu tun, mit moralisch oder unmoralisch, konservativ oder liberal, religiös oder unreligiös. Das wird gerne verwechselt. Wir teilen die Welt gerne auf. Doch die Botschaft Jesu ist anders: „Jeder ist auf dem falschen Weg. Daher brauchst du meine  Gnade. Ich liebe dich, egal was bisher war. Ich will mich mit dir versöhnen. Nimmst du mein Angebot an?“

Wenn immer wir glauben Gott durch gute Werke gefallen und ihn auf seine Seite ziehen zu wollen machen, wird es im Zorn auf ihn und deine Mitmenschen enden.

Gnade ist freiwillige, unverdiente Liebe von Herzen, die nie aufgibt, sucht, leidet und retten kann.

Freude: Der Vater freut sich, dass er seinen Sohn wieder gefunden hat und der Sohn freut sich über das Gefundenwerden und die Versöhnung.

Gott als Vater: Gott wird als barmherziger Vater dargestellt. Er liebt alle Menschen und will sich mit ihnen versöhnen. Er ist bereit den Preis der Versöhnung zu zahlen.

Mensch als Sohn: Beide Söhne definieren Sohnschaft als Vater-Diener-Verhältnis. Der jüngere Sohn kommt zu seinem Vater und bietet ihm an sein Diener zu sein. Der ältere Sohn beschwert sich darüber, dass der Vater seine makellose Diener-Sein nicht wertschätzt. Der Vater lehnt bei beiden ihre Definition ab und bietet ihnen stattdessen seine kostspielige Vaterliebe an.

Christologie: Der Vater nimmt die Rolle des leidenden Knechtes ein, der seine unerwartete und unverdiente Liebe bei beiden Söhnen demonstriert. Er gibt seine Stellung auf und begegnet ihnen als Diener und bietet ihnen Tischgemeinschaft an.

Ekklesiologie: Wiederherstellung der Beziehung zum Vater bedeutet Eingliederung in die Dorfgemeinschaft. Weil die Beziehung zum Vater wieder in Ordnung ist, wird der Sohn ihm Dorf wieder akzeptiert. Übertragen gilt das für die Gemeinde. Familie und Dorfgemeinschaft ist eine Metapher für die Gemeinde.

Inkarnation: Der Vater verlässt seine Stellung und geht zu seinen Söhnen. Er begegnet ihnen dort wo sie sind. Das ist ein Bild für die Menschwerdung Jesu. Er verlässt die himmlische Gemeinschaft mit seinem Vater und wird Mensch und lässt sich von seinen Mitmenschen sogar hinrichten.

Eschatologie: Das Fest ist ein Bild auf die zukünftige Gemeinschaft in der neunen Welt/Himmel (Neuschöpfung).

Zu den anderen Teilen der Serie geht es hier: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10 und Teil 11.

Storytelling: Die Wirkung von Geschichten und ihr Einsatz in der Predigt

Das Thema „Storytelling“ ist in den letzten Jahren in Mode gekommen. Ein Blick auf die deutschsprachige Literatur zeigt, dass gerade der Nutzen von Geschichten im Bereich des Marketings und im Management von Unternehmen entdeckt wurde. Vereinzelt werden auch die Möglichkeiten von Geschichten im Kontext von Pädagogik und der Theologie diskutiert. Im Bereich der (praktischen) Theologie finden Geschichten bisher kaum Beachtung. Hauptsächlich im Kinderdienst wird der Nutzen von Geschichten thematisiert. In der englischsprachigen Literatur wird das Thema breiter diskutiert und der Nutzen in anderen Bereichen der Theologie aufgezeigt, wie z. B. in der Predigt

Diese Arbeit will den breiten Nutzen von Geschichten in der Theologie und Mission (Reich-Gottes-Arbeit) aufzeigen und dafür werben, Geschichten einzusetzen. Sie will grundlegend zeigen, was Geschichten bewirken und leisten können.

Dass durch Geschichten positive Effekte erzielt werden können, wie z. B. eine verbesserte Merkbarkeit, wird wohl kaum einer bestreiten. Doch wie sieht es in der Realität aus? Wie werden Geschichtenpredigten von den Gottesdienstbesuchern aufgenommen? Wollen sie nicht lieber eine klar nachvollziehbare  Exegese einer Bibelstelle? Dazu habe ich eine Untersuchung von Storytelling als Predigtstil gemacht (die vielleicht erste und einzige auf diesem Gebiet)

Der Fokus liegt dabei auf der westlichen Welt und ihren Besonderheiten. Deshalb wird aufgezeigt, warum die kulturellen Veränderungen in der westlichen Welt, hin zur sogenannten Postmoderne, den Einsatz von Geschichten begünstigen. In den weniger entwickelten bzw. gebildeten Kulturen ist eine narrative Verkündigung des Evangeliums aufgrund der Mündlichkeit der Kultur zwangsläufig.

Storytelling kann bei mir als Ringbuch für 15 € zzgl. Porto (2 €) erworben werden oder kann kostenlos als e-Book gedownloadet werden.

Der verlorene Sohn – (Teil 11: Die theologische Bedeutung I)

Nachdem ich in den ersten Teile der Serie versucht habe die Geschichte des verlorenen Sohnes unter Berücksichtigung von kulturellen Aspekte nachzuzeichnen, kommt jetzt eine Zusammenfassung der theologischen Bedeutung des Gleichnisses. Auf welche Bereiche geht Jesus „indirekt“ ein und was will er verdeutlichen? Stark inspiert hat mich dabei ein Buch von Kenneth Bailey.

Sünde und Errettung: Das Gleichnis stellt zwei Arten von Sünde dar. Die eine Sünde ist die des Gesetzesbrechen und die andere Sünde ist die des Gesetzeshaltens. Der ältere Sohn ist angepasst und eifrig, während der jüngere Sohn ausbricht und Normen verletzt. Sowohl die Gottlosen (Gesetzesbrecher) als auch die Frommen (Gesetzeshalter) sind geistlich verirrt. Warum? – In beiden Fällen geht es letztlich um die zerstörte Beziehung zum Vater. Beide Lebensarten zerstören die Beziehung, wenn auch die zweite Art die ausgemachten Erwartungen erfüllt.

Viele Menschen betrachten den christlichen Glauben als moralische und religiöse Angelegenheit. Er gilt als Abgrenzung und Bollwerk gegen die unmoralische und säkularisierte Gesellschaft.

Jesus zog u.a. Sünder und Unmoralische an. Von ihm ging eine anziehende Wirkung auf diese Gruppe von Menschen aus. Ist diese Anziehung der Kirche verloren gegangen? Bis auf Ausnahmen ist auf diese Frage leider mit Ja zu antworten. Vielmehr spricht die Kirche Menschen des Typus älterer Sohn an. Das sollte uns ins Nachdenken bringen. Wenn Jesus die Sünder und Unmoralischen angezogen hat und gleichzeitig die Moralischen und Angepassten bei ihm angeeckt sind und es heute genau umgekehrt ist, dann stimmt wohl was nicht.

Die Botschaft Jesus lautet, dass Gottes Liebe jegliche Art von Sünde verzeihen und Versöhnung schenken kann. Selbst die Ungeheuerlichkeiten des jüngeren Sohnes werden vom Vater verziehen und Wiederherstellung der Beziehung gelingt. Damit sollten wir als Christen keine Probleme haben, aber anscheinend ist das schwierig. Warum? Was befürchten wir? Was auch immer unsere Befürchtungen sind, wir sollten wir, dass wenn Gott jemanden aufnimmt auch wir bereit dazu sein sollten. Man stelle sich vor die ersten Christen hätten Paulus nicht aufgenommen…

Jesus stellt durch die zwei Brüder zwei grundlegende Wege dar, die ein Mensch auf der Suche nach Glück und Erfüllung geht. Der ältere Bruder geht den Weg der moralischen Anpassung und der jüngere Bruder den Weg der Selbstverwirklichung. Mit dem älteren Bruder nimmt Jesus Bezug auf die Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie lehrten, dass der Mensch durch strikten Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes zu einem von Gott gesegneten Leben führt und dazu beiträgt das Heil zu erlangen. Gottes Willen steht über den persönlichen Wünschen  und durch dessen Einhaltung wird die Welt zu einem besseren Ort. Der jüngere Bruder steht für die Zöllner und Sünder. Sie sind Menschen, die sich ihre eigene Freiheit nicht nehmen lassen. Sie handeln wie sie es für richtig halten. Steht ihnen zur Umsetzung der persönlichen Freiheit etwas im Weg z. B. Traditionen, Vorurteile, Familienstruktur, werden diese beseitigt. Beide Wege stehen sich direkt entgegen. Jeder sieht im Anderslebenden das Problem. Die „Frommen“ sagen: „Die Unmoralischen sind das Problem! Die haben keine Werte mehr und führen unsere Gesellschaft ins Chaos!“ Während die „Sünder“ entgegnen: „Die Frommen sind das Problem! Mit ihren altertümlichen Einstellungen blockieren sie den Fortschritt in unserer Gesellschaft.“ (Natürlich fallen nicht alle Menschen in diese beiden Kategorien).

In der Geschichte zerstörten beide Lebensarten die Beziehung zum Vater. Beide Richtungen führen in die Irre. Sowohl Selbstverwirklichung also auch Selbsterlösung führen nicht ans Ziel und werden von Jesus als Sünde bezeichnet. Beidem entgegen steht die Beziehung zum Vater. Christ-Sein bedeutet in Beziehung zu Gott zu stehen. Wir denken und handeln ausgehend als Sohn vom Vater Jesus.

Zu den vorherigen Teilen der Serie geht es hier: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9 und Teil 10.

Der verlorene Sohn (Teil 9: Das offene Ende)

Nach dem heftigen Wutausbruch seines Sohnes sind wir gespannt auf die Reaktion des Vaters. Wie wird er reagieren? Wie wird er mit seinem Sohn umgehen? Zu den vorherigen Teilen der Serie geht es hier: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7 und Teil 8.

31 Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein.  32 Aber man mußte doch jetzt fröhlich sein und sich freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden und verloren und ist gefunden worden.

Die Antwort des Vaters auf die Vorwürfe und die innere Haltung seines Sohnes überraschen wieder. Normalerweise hätte ein Patriarch seinen Sohn angeschrien und sich später der Sache angenommen. Ganz anders der Vater. Er übersieht den fehlenden Respekt, den Vorwurf, die Bitterkeit und den Hass seines ältesten Sohnes und verurteilt ihn nicht. Stattdessen spricht er ihn liebevoll an. „Mein Sohn“ oder „Kind“ ist eine herzliche Anrede. Sie unterscheidet sich von allen anderen Anreden in der Geschichte. Der Vater gebraucht nicht das eigentliche Wort für Sohn, sondern benutzt eine besonders liebevolle, herzliche Anrede. Diese Anrede benutzt der Vater nicht mal als der jüngere Sohn zurück kommt.

In seiner Antwort versucht der Vater sich zu erklären und seine Freude zu verteidigen. Zudem erinnert er den älteren Sohn an die Verloreneheit seines Bruders.

Der Vater muss sich erklären. Er muss seine Freude verständlich machen. Wie traurig und unnatürlich! Weder der Hirte aus der ersten Geschichte noch die Frau aus der zweiten Geschichte müssen das tun. Ihre Freude konnten alle nachvollziehen. Doch in diesem Fall muss der Vater seinem Sohn (den Pharisäern) seine Freude vermitteln, die doch völlig verständlich ist.

Die Geschichte hat ein offenes Ende. Wir erfahren nicht wie der älteste Sohn auf die Antwort des Vaters reagiert. Die drei Geschichten enden mit dieser Szene.

Die Antwort steht aus. Jesus lässt sie bewusst offen. Er verkörpert die Person des Vaters. Die Pharisäer nehmen die Rolle des ältesten Sohnes ein, während der jüngere Sohn für die Sünder steht. Die Ausgangsbeschuldigung der Pharisäer und Schriftgelehrten an Jesus war, dass er die Sünder aufnimmt und mit ihnen isst (1). Und nun antwortet Jesus ihnen: „Das ist meine Erklärung. Diese eure Brüder waren tot und sind wieder lebendig geworden und verloren und sind gefunden worden.“ Und schließt indirekt die Frage an: „Was werdet ihr jetzt mit mir machen?“ Jeder Zuhörer (und jeder Leser) wird von ihm aufgefordert, diese Frage selbst zu beantworten.

Der verlorene Sohn (Teil 8: Die Wut des älteren Sohnes entlädt sich)

Endlich gehts weiter mit dem nächsten Teil der Serie über die Geschichte vom verlorenen Sohn. Zu den andern Teilen geht es hier: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6 und Teil 7.

 28 Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber ging hinaus und redete ihm zu.

Für den älteren Sohn waren die neuen Verhältnisse unerträglich. Alles was der Familie nach der Abgabe des Erbteils an den jüngeren Sohn geblieben war, gehörte ihm. Auch wenn der Vater noch das letzte Wort hatte, so blieb der verbleibende Reichtum bei ihm. Mit dem Tod des Vaters geht dann das Verkaufsrecht an ihn über. Der Vater darf den erwirtschafteten Verdienst ausgeben. Gibt er ihn nicht aus, vergrößert sich das Vermögen des ältesten Sohnes. Es war das gute Recht des Vaters ein Festessen zu veranstalten. Der jüngere Sohn profitierte vom Erbteil seines Bruders. Er war gekleidet, aß und trank vom noch übriggeblieben Erbteil seines Bruders. Das war für den älteren Sohn nicht hinnehmbar.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Während der Vater bei solchen Festivitäten bei seinen Gästen sitzt, fungiert der älteste Sohn als Oberkellner. Im Unterschied zu einem normalen Kellner darf er mit den Gästen sprechen. Dass der älteste Sohn Kellner auf der Feier ist, soll den Gästen Wertschätzung ausdrücken. „Ihr seid uns so wichtig, dass selbst unser ältester Sohn euch bedienen kommt.“ Praktisch würde das für den ältesten Sohn bedeutet, dass er seinen Vater und seinen jüngeren Bruder bewirten müsste. Ob er dazu in der Lage ist?

„Der jüngere Sohn ist durch eine kostspielige Gnade, die den traditionellen Ehrvorstellungen des Dorfes widerspricht, in seine frühere Position erhoben worden. Der ältere Sohn könnte gut das Gefühl haben, dass der Vater die Familie in den Augen des Dorfes entehrt hat. Eine Versöhnung und Wiedergutmachung ohne Strafe, die der Übeltäter begleichen muss, kann er weder verstehen noch annehmen.“ (Kenneth Bailey, Der ganz andere Vater, S. 105)

Daher weigert er sich am Fest teilzunehmen. Das ist ein echter Affront! Von allen von männlichen Familienmitgliedern wird bei einem solchen Feier erwartet, dass sie die Gäste per Handschlag begrüßen. Es gilt als persönliche Beleidigung gegenüber den Gästen und dem Gastgeber dies zu verweigern. Dem älteren Sohn ist das bewusst. Mit seinem absichtlichen Verhalten beleidigt er seinen Vater öffentlich. Wie schlimm eine solche Tat ist zeigt die Reaktion von König Ahasveros als sich Königin Waschti weigert zum Festessen zu erscheinen (Ester 1,12ff).

Die Nachricht vom Eintreffen des ältesten Sohnes und seiner Weigerung an der Feier teilzunehmen wird sich in Windeseile herumgesprochen haben. In einer Dorfgemeinschaft gibt es keine Geheimnisse. Alle Blicke waren auf den Vater gerichtet. Wie würde er auf die öffentliche Bloßstellung reagieren? Die Rebellion des jüngeren Sohnes begann im privateren Rahmen, während die des älteren Sohnes vor den Augen der gesamten Gäste und des Dorfes sich ereignete. Alle erwarteten entweder eine sofortige Bestrafung oder aber dass der Vater die Situation „ignoriert“ und später (nach dem Ende der Feier) mit seinem Sohn ins Gericht geht.

Und zum zweiten Mal an diesem Tag geschieht etwas völlig Überraschendes. Der Vater geht hinaus zu seinem Sohn und bittet ihn mitzufeiern. Er verlässt die Festgemeinschaft und geht zu seinem geliebten Sohn um ihn versöhnlich zu stimmen. Damit erniedrigt der Vater sich ein zweites Mal. Er verlässt seine Stellung als Patriarch der Familie und geht auf seinen Sohn zu. Er spricht weder eine Bestrafung aus noch ignoriert er seinen Sohn. Auch lässt er ihn nicht, wie zu erwarten, von dem Diener zu sich rufen, sondern macht den ersten Schritt. Er geht zu ihm und und begegnet ihm wie ein Diener. Er fordert ihn auf ihn zu verstehen und sein Verhalten zu akzeptieren. In seiner Bitte steckt sein Wunsch nach Versöhnung.

Das zeigt, dass der Vater beide Söhne liebt und bereit ist beiden ihren Fehltritt zu verzeihen. Er geht auf beide zu und bietet ihnen Versöhnung an. Er opfert sich für beide auf, ohne Rücksicht auf das Reden der Dorfgemeinschaft. Er ist bereit Schmach und übles Geläster auf sich zu nehmen, um der Versöhnung willens. Er geht das Risiko ein abgelehnt zu werden.

Der Vater wollte nichts mehr als seine Söhne zurückzugewinnen und zwar als Söhne. Sein jüngerer Sohn war bereit sein Diener zu werden. Doch der Vater wollte ihn als Sohn zurück. Deshalb gibt er ihm Würde und Sohnschaft zurück, auch wenn er sich dadurch den Unmut des Dorfes auf sich zieht. Dasselbe will er auch bei seinem älteren Sohn. Deshalb geht er hinaus zu ihm. Es wäre in seiner Macht gewesen seinen älteren Sohn hereinbringen zu lassen und ihn zu bestrafen. Doch das hätte nur die weitere Entfremdung zur Folge gehabt. Dass er auf ihn zugeht ist ein Zeichen echter Versöhnungsbereitschaft. Er trägt die Kosten für die Versöhnung. Der ältere Sohn muss nichts tun außer einzuwilligen. An dieser Stelle verdeutlicht Jesus was Menschwerdung und Sühneopfer bedeutet.

 29 Er aber antwortete und sprach zu dem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten; und mir hast du niemals ein Böckchen gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre;  30 da aber dieser dein Sohn gekommen ist, der deine Habe mit Huren durchgebracht hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 

An der Reaktion auf die Bitte um Versöhnung können wir einiges über den älteren Sohn feststellen:

1. Der Sohn weigert sich, sich mit seinem Vater und seinem Bruder zu versöhnen. Der Vater macht alles ihm Mögliche um die Beziehung wiederherzustellen. Wie der Hirte und die Frau in den ersten beiden Geschichten versucht er alles um das Verlorene zu finden.

2. In seiner Anrede gebraucht er nicht die höfliche Formel „oh Vater“. Damit zollt er seinem Vater keinen Respekt und beleidigt ihn ein zweites Mal.

3. Der ältere Sohn hat die Beziehung zu seinem Vater verletzt. Alle Regeln hat er eingehalten. Darüber ist er auch Stolz (29). Allerdings bricht er das Herz seines Vaters.

4. Er wirft seinem Vater vor, seinen Bruder zu bevorzugen (30). Für ihn schlachtet er ein Mastkalb, während er nicht mal eine Ziege bekommt.

5. Er grenzt sich von seiner Familie ab. Mit seinem Vater und Bruder kann er nicht fröhlich und ausgelassen feiern.

6. Der Vorwurf an seinen Vater mag uns verwirren, denn schließlich gehört ihm doch der gesamte Besitz (Eigentumsrecht). Er hätte sich doch so viele Tiere schlachten können und Feste veranstalten. Dass er mit seiner Situation noch nicht zu Frieden ist zeigt, dass er mehr will. Letztlich will auch er das volle Verfügungsrecht auf den Besitz (Verkaufsrecht) und damit das gemeinsame Verfügungsrecht aufkündigen.

7. Er verachtet seinen Bruder. Zum einen spricht er von „dein Sohn“ (30). Er ist nicht gewillt ihn als Bruder zu sehen. Zum anderen beschuldigt er seinen Bruder mit Huren geschlafen zu haben (30), obwohl er das nicht wissen konnte. Er verbreitet Lügen über seinen Bruder.

8. Seine Argumentation ist nicht konsequent. Er behauptet, dass sein Bruder das Geld des Vaters bei den Huren verprasst hat, indem er sagt: „deine Habe mit Huren durchgebracht“. Allerdings hat der Vater seinem Sohn den Anteil ganz gegeben (Eigentumsrecht + Verkaufsrecht). Er darf damit machen, was er will. Gleichzeitig beklagt er sich, dass er nicht das uneingeschränkte Recht über den übrigen Besitz hat. Dabei beklagt er etwas, was er seinem Bruder gar nicht zubilligt.

9. Er hat ein falsches Beziehungsverständnis. Sein Statement: „so viele Jahre diene ich dir“ zeigt, dass er in den Kategorien Diener-Herr denkt: Du bist der Herr und ich habe dein Diener zu sein. Und wie ein Diener fordert er seine Rechte und Gleichbehandlung ein. Wer so viel arbeitet wie ich, dem steht auch mehr zu. Wer so faul und link ist wie mein Bruder, dem sollte Feuer unter dem Arsch gemacht und nicht noch durch ein Fest belohnt werden. Er gehorcht den Vorschriften. Sein Bruder erwidert die Liebe seines Vaters.

10. Er meint, dass sein Vater und sein Bruder sich bei ihm entschuldigen müssen. Aber in Wirklichkeit braucht er deren Vergebung. Wenn er die Beziehung zu seinem Bruder abbricht, bricht er automatisch auch die Beziehung zu seinem Vater ab.

11. Er verkennt die Bedeutung des Festes. „Du hast ihm das gemästete Kalb geschlachtet“ zeigt, dass er davon ausgeht, dass das Fest zu Ehren seines Bruders gegeben wurde. Aber das Essen wird zu Ehren des Vaters abgehalten, denn es ist ihm gelungen die Beziehung zu seinem Sohn wieder herzustellen.

12. Er ist erfüllt von Neid, Eifersucht, Bitterkeit, Hass und Empörung und dennoch füllt er sich als der Gerechte.