Seit fast 90 Jahren gibt es die Tradition der Jahreslosung. Die sogenannte “Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen” wählt jedes Jahr eine Losung aus allen Vorschlägen aus, welche die Mitglieder abgegeben haben. Es ist also keine Aus-Losung im eigentlichen Sinne mehr, sondern ein Auswählen. Die Jahreslosung soll helfen die Bibel zu lesen, mehr über die Bibel zu erfahren und Mut machen. Für 2021 wurde ein Jesus-Wort ausgelost. Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Lk 6,36).“

Gott hat einen Namen

In der Jahreslosung geht es um Gottes Wesen. Wie ist Gott? – Jesu Antwort ist barmherzig. Wenn wir in die Bibel schauen, dann ist Barmherzigkeit eines der Eigenschaften die am häufigsten auf Gott bezogen wird. Wieder und wieder wird diskutiert was es bedeutet, dass Gott barmherzig ist.

Gehen wir in den ersten Teil der Bibel. Die Bibel berichtet wie das Volk Israel durch Gottes Eingreifen aus der Sklaverei in Ägypten befreit wird. Sie befinden sich als freie Menschen in der Wüste. Dort begegnet ihnen Gott. Er ruft den israelischen Führer Mose auf den Berg Sinai zu kommen. Als Mose auf dem Berg geht, kommt Gott in einer Wolke herunter und geht so an Mose vorbei und stellt sich ihm vor: »Ich bin der HERR! ‘Ich bin da’ ist mein Name! Ich bin ein Gott voll Liebe und Erbarmen. Ich habe Geduld, meine Güte und Treue sind grenzenlos. Ich erweise Güte über Tausende von Generationen hin, ich vergebe Schuld, Verfehlung und Auflehnung; aber ich lasse auch nicht alles ungestraft hingehen. Wenn sich jemand gegen mich wendet, dann bestrafe ich dafür noch seine Kinder und Enkel bis in die dritte und vierte Generation (2Mose 34,6-7).« Gott stellt sich vor als ein Gott voll Liebe und Erbarmen. Anstatt Liebe könnte auch mit Barmherzigkeit übersetzt werden, denn das benützte hebräische Wort ist das Äquivalent zu dem griechischen Ausdruck in dem was Jesus über Gott sagt d. h. Jesus gebraucht viele Jahre später dasselbe Wort wie Gott als er sich Mose in der Wolke vorstellt. Gott stellt sich als barmherzig und gnädig vor. Das nennt er nicht ohne Grund zuerst. Am Anfang führt er die dominanten Eigenschaften auf. Die beiden Eigenschaften hängen zusammen. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit hat ihre Wurzel vom Mutterleib oder der Gebärmutter. Die Idee dahinter ist das Gefühl einer Mutter für ihr frischgeborenes Baby zu beschreiben. Es geht um die Beziehung einer schwangeren Frau, die sie zu ihrem ungeborenen Baby aufbaut und um das Gefühl, dass sie hat wenn sie ihr Kind nach dem sie es unter Schmerzen geboren hat zum ersten Mal in ihren Armen hält. Wer Mütter kennt, der weiss, das ist ein unglaubliches, überwältigendes Gefühl des Glücks ist. Gott wird hier mit dem Gefühlsleben einer jungen Mutter verglichen. Barmherzigkeit ist ein Gefühlswort. Gnädig ist mehr eine Aktionsbegriff im Sinne von Gnade zeigen und gnädig sein. Es wird gebraucht, wenn jemand einem zur Hilfe eilt. Es beschreibt die rettende, helfende Aktion. Das Gefühl der Barmherzigkeit löst das gnädige Handeln aus.

Die zwei Prostituierten

In der Bibel gibt es ein paar konkrete Beispiele für die hier gemeinte Mutterliebe. Eines davon spielt sich ab als Salomo König von Israel war. In dieser Funktion war er auch eine Art Richter. Eines Tages bringen sie zwei Frauen zu ihm, die sich um ein Kleinkind stritten. Beide behaupteten, dass es ihr Kind sei. Die eine Frau hatte kurz zuvor durch einen tragischen Zwischenfall ihr eigenes Kind verloren und behauptete nun die Mutter des noch lebenden Kindes zu sein. DNA-Tests gab es noch nicht, die die wahre Mutterschaft bestätigt hätte. Doch Salomo fällt eine clevere Idee ein: „Er befahl weiter: »Zerschneidet das lebende Kind in zwei Teile und gebt die eine Hälfte der einen, die andere Hälfte der andern!« (1Kön 3,25)“ Seine Idee zeigt die erhoffte Wirkung: „Da rief die Frau, der das lebende Kind gehörte – denn die Mutterliebe regte sich mächtig in ihr: »Ach, mein Herr und König! Gebt es der andern, aber lasst es leben!« Die andere aber sagte: »Weder dir noch mir soll es gehören! Zerschneidet es nur!« (1Kön 3,26)“ Als Salomo den Auftrag gab das Kind zu halbieren, regte sich in der wahren Mutter ihre Muttergefühle. Sie ist von tiefen Mitleid gepackt. Ihr sitzt der Schock in den Gliedern. Ihre Gefühlswelt ist tief getroffen. Sie muss etwas tun. Ihre Liebe für ihr Kind machte sie zur Kämpferin für ihr Kind. Ihre Liebe für ihr Kind brachte sie sogar soweit, dass sie bereit ist es herzugeben, wenn es nur überlebt. Die andere Frau war mit dem Vorschlag von Salomo einverstanden. Durch die Reaktion identifizierte Salomo die wahre Mutter. Er gab ihr ihr Kind zurück.

Diese wahre Begebenheit verdeutlicht das Wesen Gottes und Handeln uns Menschen gegenüber. Wie diese Mutter ihr Kind liebte und sich dafür einsetzte, dass ihm nichts zustösst, so fühlt auch Gott gegenüber dir. Wenn jemand versucht dich grundlos zu verurteilen oder dir Schaden zufügen will, dann melden sich die Barmherzigkeitsgefühle von Gott. Gott hat diese Gefühle dir gegenüber. Und diese Gefühle lösen sein gnädiges Handeln aus. Es bleibt nicht beim herzzerreisenden Gefühl, sondern mündet in die helfende Tat. So ist Gott. Barmherzig und gnädig. Mitfühlende und helfend. Er liebt unerwartet. Wenn wir uns an Gott wenden, dann wenden wir uns an einen Gott der mitfühlt und sich um uns kümmert. Und wir kommen vor einen Gott der handelt und sich um unsere Situation kümmert.

Nachahmer Gottes

Kommen wir zu Jesus. Viele Jahre nach der Gottesbegegnung von Mose lehrt Jesus die Menschen über Gott. Seine bekannteste Rede ist die sogenannte Bergpredigt. Sie steht im Matthäusevangelium. Im Lukasevangelium steht eine ähnliche, wenn auch deutlich kürzere Version davon bzw. es wird ein anderer Anlass gewesen sein. Dort heisst sie die Feldrede. In dieser Feldrede spricht Jesus über seinen Vater und spielt auf die Gottesbegegnung von Mose am Berg Sinai an: „Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist! Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen. Schenkt, dann wird Gott euch schenken; ja, er wird euch so überreich beschenken, dass ihr gar nicht alles fassen könnt. Darum gebraucht anderen gegenüber ein reichliches Maß; denn Gott wird bei euch dasselbe Maß verwenden (Lk 6,36-38).“ Gott ist barmherzig. Gott hat sich nicht geändert. Sein Wesen ist und bleibt Barmherzigkeit. Wir vertrauen einem Gotte dessen Gefühle von Barmherzigkeit geleitet sind. Er handelt uns gegenüber barmherzig. Das ist eine gute Nachricht. Doch dabei belässt es Jesus nicht. Er bringt Gottes Wesen mit unserem Wesen in Verbindung. Wir sollen Gott nachahmen und deshalb wie er vom Wesen her barmherzig sein. Gott will, dass wir ihm nachfolgen und nachahmen. Die Bibel nennt dies einen Jünger von Jesus zu sein. Ein Jünger lernt aktiv von Jesus und zwar in allen Bereichen des Lebens. Er grenzt bestimmte Aspekte des Lebens nicht aus. Ein Jünger beschäftigt sich immer und immer wieder mit zwei Schlüsselfragen:

(1) Was sagt Jesus?

(2) Was bedeutet das für mich konkret?

Wenden wir das auf die Jahreslosung an. Jesus sagt, dass Gott barmherzig ist und wir auch barmherzig werden sollen. Barmherzigkeit ist was Gott ist und daher soll auch den Jünger Barmherzigkeit ausmachen. Barmherzigkeit ist was Gott ausmacht und daher soll auch in der Gemeinschaft der Christen Barmherzigkeit zu finden sein.

Gezeichnet von Barmherzigkeit

Jesus erwartet von uns Christen, dass wir gekennzeichnet sind durch Barmherzigkeit. Er gibt uns die Aufgabe Gottes barmherzige Art hier auf Erde weiterzuführen und täglich zu demonstrieren. Barmherzigkeit ist der Kern unserer Identität und Mission als Christen. Barmherzigkeit ist nicht einfach ein Wert den wir auch praktizieren, sondern den wir Tag für Tag neu wählen. Wir sehen und begegnen Menschen und Situation durch den Blick eines barmherzigen Menschen.

Wie zeigt sich Barmherzigkeit? Es gibt keine Liste und darum geht es auch nicht. Barmherzigkeit ist eine Herzenshaltung, die wir in den Widrigkeiten dieser Welt versuchen zu zeigen. Jesus selbst gibt im Kontext der Feldrede ein paar treffende Beispiele. Barmherzigkeit verurteilt nicht (Lk 6,37). Barmherzigkeit verzeiht (Lk 6,37). Barmherzigkeit ist grosszügig (Lk 6,38). Barmherzigkeit liebt überraschend und unerwartet. Indem wir Jesus nachahmen und gezeichnet von Barmherzigkeit sind stellen wir Barmherzigkeit über Verurteilung, Vergebung über Hartherzigkeit und Rechthaberei, Offenheit über Ausschluss, Grosszügigkeit über Eifersucht, Annahme und Verständnis über Gemeinheit.

Wir leben in einer ichbezogenen Kultur. Menschen sind gemein zu einander. Menschen verurteilen sich, grenzen aus, mobben und haben recht. Als Christen sollen wir uns nicht von dieser Kultur prägen lassen. Wir sollen Gottes Wesen nachnahmen und überstömende, ungezähmte, unverschämte Barmherzigkeit leben.

Schlussgedanke

Lasst uns erinnern was Jakobus, der Bruder von Jesus, sagte: „Wer selbst kein Erbarmen gehabt hat, über den wird auch Gott erbarmungslos Gericht halten. Wenn aber jemand barmherzig war, dann gilt: Das Erbarmen triumphiert über das Gericht (Jak 2,13).“ Erbarmen triumphiert über Verurteilung! Wir sollten uns das in unsere Seele schreiben. Der Weg Jesus triumphiert! Barmherzigkeit triumphiert und nicht Eifersucht, Rechthaberei, Ichbezogenheit, Gemeinheit. Vielleicht wirst du mir jetzt sagen: “Martin, aber schau noch mal in die Welt. Die Realität sieht anders aus.” Ich weiss. Ich weiss. Barmherzigkeit ist vielerorts eine Schwäche. Wer nachsichtig ist verliert. Doch wenn wir die Welt durch Jesu Augen betrachten, dann triumphiert Barmherzigkeit über Verurteilung. Und jedes Mal, wenn wir selbst erbarmen zeigen anstatt aus Gemeinheit zu reagieren triumphieren wir mit. Deshalb …

wenn du jemanden beschuldigen könntest … sei barmherzig.

wenn du jemanden beschämen könntest … sei barmherzig.

wenn du jemanden kritisieren könntest … sei barmherzig.

wenn du jemanden verurteilen könntest … sei barmherzig.

wenn du mit Jemanden eine Meinungsverschiedenheit hast … sei barmherzig.

wenn du mit Sicherheit im Recht bist … sei barmherzig.

wenn du dich rächen könntest … sei barmherzig.

Beten wir: “Herr erbarme dich meiner” und du wirst sehen wie der Gott der Barmherzigkeit dir Barmherzigkeit schenkt und du wie eine Mutter die um ihr Kind kämpft dich für andere einsetzt – trotz allem. Barmherzigkeit triumphiert in den Gottes Augen immer. Lasst uns dieses Jahr viele Barmherzigkeits-Siege einfahren in dem Wissen, dass Gott uns hilft barmherzig zu werden. Deshalb lasst uns beten: “Herr erbarme dich meiner.”

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  • Aufzählung am Ende ist eine freie Übertragung von mir aus Brian Zahnds Artikel: Mercy in a mean time.
  • Bild von mir aufgenommen in der Kirche des Kloster Fahr

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