Es folgt der siebte Teil meiner Serie zum verlorenen Sohn. Zu den andern Teilen geht es hier: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6.

25 Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld; und als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Reigen.

Die Feierlichkeiten haben schon angefangen als der ältere Sohn noch auf dem Feld war. Die Familie muss, wie schon erwähnt, ziemlich reich gewesen sein. Ansonsten hätten sie keine Diener gehabt, keine eleganten Kleider getragen und sich eine solche Feier nicht leisten können. Das bedeutet auch, dass der ältere Sohn nicht auf dem Feld war, um dort selbst zu arbeiten. Kein Landbesitzer mit Knechten würde je selbst Hand anlegen. Stattdessen hatte er die Aufsicht über seine Arbeiter.

Als er sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. Ein paar begabte Musiker unter den Gästen werden musiziert haben. Eventuell spielte sogar eine Musikgruppe. Vermutlich benutzte die Gruppe Trommeln und Saiteninstrumente. Der Rhythmus der Trommeln war schon von weitem zu hören und dem Sohn musste dadurch klar gewesen sein, dass eine spontane freudige Feier im Gang ist. Zur Musik wurde getanzt. Vermutlich der beliebte Kreistanz (Reigen). Er war anmutig und einfach zu tanzen, so dass alle Gäste mittanzen konnten.

Die natürlichste Reaktion auf die Musik wäre Vorfreude gewesen. Feierlichkeiten gab es schließlich nicht jeden Abend und wenn eine Feier im Gange war, dann nur aus besonderem Anlass. Dennoch kommt beim älteren Sohn keine rechte Freude auf und er bleibt abseits stehen.

26 Und er rief einen der Sklaven herbei und erkundigte sich, was das sei.

Selbstverständlich erkundigt sich der ältere Sohn erstmal was der Grund für die spontane Feier ist. Er ist überrascht worden. Dazu fragt er einen kleinen Jungen. Die Bezeichnung Sklave ist etwas irreführend. Im griechischen Text steht „pais“, was mit „kleiner Junge/Knabe“ oder „Diener“ übersetzt werden kann. Die Übersetzung mit „Diener“ ist zwar möglich, aber wahrscheinlicher handelt es sich um einen Knabe. Die Knaben im Dorf durften an der Feierlichkeit nicht direkt teilnehmen. Doch natürlich ließen sie sich das Event nicht entgehen. Sie standen in gewissen Abstand um das Haus. Sie hörten der Musik zu, tanzten ihre eigenen Tänze und amüsierten sich. Sie waren daher für die Nachzügler und Neugierigen die erste Informationsquelle. Der ältere Sohn wird solch einen Jungen, der sich am Haus herumgetrieben hat und alles genau wusste, gefragt haben.

27 Der aber sprach zu ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiedererhalten hat.

Im kurzen Bericht des Knaben sind zwei wichtige Aspekte enthalten. Er berichtet, dass der Bruder gekommen ist. Angekommen bedeutet lediglich, dass er heim gekehrt ist. Es besagt dagegen nicht, dass reumütig zurückgekehrt ist. Der Junge hätte auch Wörter gebrauchen können, die diesen Aspekt beinhalten. Der ältere Sohn erfährt, dass sein, für ihn gestorbener Bruder, aufgrund einer Notsituation wieder heim gekommen ist, weil er seinen Vater um etwas bitten will.

Desweiteren berichtet der Knabe, dass der Vater ihn gesund wieder hat. Gesund meint in diesem Zusammenhang weniger „bei guter Gesundheit“, sprich ohne Krankheiten. Vielmehr wird das an dieser Stelle benutzte griechische Wort „hygiaino“ (von dem das Wort Hygiene abstammt) im Hebräischen am besten mit Shalom übersetzt. Shalom bedeutet Frieden und meint inneren und äußeren Frieden. Es beinhaltet Gesundheit, ist aber in seinem Bedeutungsspektrum viel weiter. Es bedeutet darüber hinaus auch Versöhnung. Der ältere Sohn muss erfahren, dass sein Vater sich wieder mit ihm versöhnt hat. Er weiß, dass er keine Möglichkeit mehr hat auf die Entscheidung seines Vaters Einfluss zu nehmen und seine Sichtweise darzustellen. So erklärt sich sein Schmerz und seine Wut (28). Sein Vater hat einen Sünder aufgenommen und ist gerade dabei an seinem Tisch zu sitzen. Das ist genau die Beschwerde, die die Pharisäer Jesus vorwerfen (2). Hier wird eindeutig sichtbar, dass der Vater ein Symbol für Jesus selbst ist.

Wie wird sich die Wut des älteren Sohnes zeigen? Mehr dazu im nächsten Teil.

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