Mit dem heutigen Beitrag werde ich eine kleine Serie über das Gleichnis vom verlorenen Sohn starten. Inspiriert hat mich dazu ein geniales Buch von Kenneth E. Bailey.  Ich werde hier seine Gedanken mit einbringen.

Die Vorgeschichte

Lukas 15:1-3  „Es nahten sich aber zu ihm alle Zöllner und Sünder, ihn zu hören;  2 und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen. 

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Dort wird er am Kreuz sterben müssen. Das war Jesus bewusst. Auf seinem Weg kommt es wieder einmal zu einer Konfrontation mit dem religiösen Establisment. Sie fühlen sich von ihm bedroht. Jesus reagiert auf ihr Murren, indem er drei Gleichnisse erzählt. Diese bauen aufeinander auf und finden ihren Höhepunkt im Verhalten des älteren Sohnes. Wie wird er auf die Bitte der Versöhnung reagieren? Doch erstmal der Reihe nach. Die Zuhörerschaft Jesu bestand aus Pharisäern und Schriftgelehrten. Der Name Pharisäer bedeutet „Abgesonderte bzw. der sich absondert.“ Diese Bedeutung charakterisiert ihr Selbstverständnis als Bewahrer des Judentums und ihr Bemühen ein reines, heiliges Leben zu führen. Gleichzeitig wird es von ihren Gegnern als Schimpfwort für ihre Weltfremdheit und Ablehnung allem weltlichen gewählt. Der Pharisäismus wurde zu einer Bewegung innerhalb des Judentums, der allen Kreisen des Volkes offen stand. Mit ihrer Idee, der Verwirklichung des Gesetzes im Alltag, erreichten sie alle Schichten. Die Schriftgelehrten waren im Gegensatz zu den Pharisäern keine Laiengruppe, sondern ausgebildete Toragelehrte. Manche Schriftgelehrte gehörten zur Partei oder Gruppe der Pharisäer, manche nicht. Die Schriftgelehrten waren eine Art Zunft. Nur der voll ausgebildete Gelehrtenschüler inklusive Ordination gehörte als berechtigtes Mitglied zu ihnen. Sie galten als Kenner des göttlichen Willens, den sie lehrend, richtend und predigend verkündigten. Die Beschwerde der Schriftgelehrten und Pharisäer an Jesus war, dass er die Sünder annimmt und mit ihnen isst (2). Drei Gruppen sind an diesem Konflikt beteiligt: Jesus, die Religiösen (Pharisäer und Schriftgelehrten) und die Nicht-Religiösen (Sünder). Jede dieser drei Gruppen taucht dann in jedem der drei Gleichnisse auf. Im ersten Gleichnis geht es um Tiere, im zweiten um Münzen und im dritten um Menschen.

Zur Zeit Jesu galten die Zöllner allgemein als Sünder. Sie wurden von der Bevölkerung gehasst, denn sie kooperierten mit der römischen Besatzungsmacht. Die römische Besatzungsmacht teilte das eingenommene Territorium in Gebiete ein und verpachtete es an Steuereintreiber weiter, um Steuern einzutreiben. Eine Einzelperson konnte also von der Besatzungsmacht das Recht pachten, in einem bestimmten Gebiet Steuern einzutreiben. Um das Geschäft mit den Steuern für Pächter lukrativ zu gestalten, durften die Pächter den Steuersatz selbst festlegen und eintreiben, was einzutreiben war. Sie mussten aber  einen festen Betrag an die römische Besatzung abtreten. Der Rest gehörte ihnen. Die „Steuerpächter“ waren in der Regel Nichtjuden. Um ihre Aufgabe zu erledigen, stellten sie zusätzliche Personen aus der Bevölkerung ein. Es liegt auf der Hand das es bei diesem System viele Schieberein gab und der Korruption Tür und Tor geöffnet wurde.

Der Unmut der Bevölkerung über die Willkür der Steuereintreiber war mehr als verständlich. Hinzu kam, dass die Bevölkerung allgemein darunter litt von einer starken Besatzungsmacht besetzt zu sein. Meist entwickelt sich in solch einer Situation ein starker Nationalismus und Kollaborateure, wie sie die Zöllner waren, wurden gehasst. Noch heute gilt es in der arabischen Welt als größte Beleidigung „Agent des Imperialismus“ bezeichnet zu werden. Gerade in Zeiten von starkem Nationalismus, wie das zur Zeit Jesu war, wurde besonders diejenigen, die sich mit der Regierung arrangierten und sogar kooperierten zum Feindbild.

Die Zöllner wurde daher als Sünder gebrandmarkt. Als Menschen die unrein sind, die die Gesetze brechen und Menschen ohne moralische Prinzipien sind. Und zugleich galten sie als Verräter an ihrem eigenen Volk.

Sünder und Zöllner nahten sich Jesus (1). Sie gehörten zu seinen Zuhöreren. In seiner Gegenwart waren sie gerne. Das ärgerte die religiösen Eliten. Wie das Volk Israel gegen Mose und Aaron in der Wüste murrte (2Mo 15,24; 2Mo 16,2.7-8), empörten sie sich (2). Denn die Sympathien waren beidseitig. Jesus nahm die Sünder an und aß mit ihnen (2). Annehmen darf dabei nicht als Akzeptanz oder lose Beziehung verstanden werden, sondern als ein Annehmen als Freund. Jesus selbst erwarten von uns ihn auf- bzw. anzunehmen (Mk 9,37). Seine Annahme zeigte sich konkret beim Essen. Mit anderen Menschen zu essen, ist im Nahen Osten eine sakramentale Handlung und zeigt ein Angenommensein auf tiefer, persönlicher Ebene. Wer miteinander isst, signalisiert Respekt, Freundschaft und Annahme. Das brachte Jesus den Sündern entgegen und löste bei den Pharisäern große Unzufriedenheitaus, die zunahm und wenig später am Kreuz ihren Höhepunkt erreichte.

Hier es zum zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten Teil.

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Ein Kommentar zu „Der verlorene Sohn (Teil 1: Die Vorgeschichte)

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