Der verlorene Sohn (Teil 4: Der Todeswunsch)

Das ist der vierte Teil meiner Serie über die Geschichte vom verlorenen Sohn.  Ich gehe darin besonders auf die kulturellen Hindergründe und den Kontext der Geschichte ein. Im ersten Teil ging es um die Vorgeschichte. Im zweiten und drittenTeil gehe ich auf die zwei Geschichten ein, die Jesus unmittelbar vor der Geschichte des verloren Sohnes erzählt und mit dieser verknüpft ist.

Die dritte Geschichte

11 Er sprach aber: Ein Mensch hatte zwei Söhne;

Mit diesem einleitenden Satz beginnt Jesus die dritte Geschichte und kommt damit zum Höhepunkt. Im ersten Satz nennt er alle drei Beteiligten: der Vater, Sohn 1 und Sohn 2. Traditionel lwird vom Gleichnis vom verlorenen Sohn gesprochen. Doch damit wird man der Geschichte nicht gerecht, schließlich geht es um zwei Söhne. Deshalb würde ich lieber vom Gleichnis der zwei Söhne sprechen. In der Geschichte stehen die Beziehungen der drei Beteiligten im Mittelpunkt. Daher müssen wir sie genau anschauen, um am Ende zu verstehen warum jeder handelt wie er handelt.

 12 und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt! Und er teilte ihnen die Habe.

Der jüngere Sohn wendet sich mit einer gelinde gesagt unverschämten Forderung an den Vater. Eine solche Bitte bedeutete nicht anderes, dass der jüngere Sohn ungeduldig auf den Tod seines Vaters wartete. Am liebsten wäre ihm gewesen, wenn er schon tot wäre, denn dann hätte sich sein Anliegen schon lange erfüllt. Das Vermögen des Vaters wird normalerweise erst an seinem Lebensende aufgeteilt (vgl. 1Mo 25,5-8 und 1Mo 48-49). Es war aber auch möglich, dass der Vater das Erbe vor seinem Tod aufteilte. Dafür gab es spezielle juristische Bestimmungen. Der Erbe/die Erben erhielten dann das gesetzliche Eigentumsrecht. Allerdings noch nicht das Verkaufsrecht. Der Besitz gehörte ihnen dann zwar schon, aber er wurde immer noch vom Vater verwaltet. Daher sagt der Vater am Ende der Geschichte auch zu seinem älteren Sohn: „Alles was mein ist, ist auch dein.“ Dem älteren Sohn gehörte rechtlich alles was auch dem Vater gehörte. Streng genommen war es sein Eigentum. Wobei der Vater immer noch das Recht hatte das Eigentum seines Sohnes zu gebrauchen und z. B. ein Kalb für eine Party zu schlachten. Der jüngere Sohn fragte seinen Vater nach dem Eigentums- und Verkaufsrecht und bekommt es tatsächlich. Beide Verhalten sind in dieser Kultur ungeheuerlich. Ein absolutes No-Go! Niemals würde ein Sohn auf die Idee kommen seinen Vater nach dem Erbe zu fragen und wenn er es tatsächlich macht, würde der Vater es ihm nie geben. Beide Verhalten lösten bei den Zuhöreren Fassungslosigkeit aus. Wie kann ein Sohn nur auf die Idee kommen seinem Vater eine solche Frage zu stellen? Wie kann der Vater diese Ungeheuerlichkeit dulden und dem Sohn sein Vermögen geben?

„Und er teilte ihnen die Habe.“ Im Zuge der Bitte des jüngeren Sohnes klärt der Vater alle Erbangelegenheiten. Nicht nur der jüngere Sohn bekommt seinen Anteil auch der ältere Sohn bekommt sein Erbe. Allerdings fordert dieser nicht das Verkaufsrecht.

Schauen wir uns die drei beteiligten Personen gleich mal näher an:

Der jüngere Sohn

1. Die Bitte zeigt seine Auflehnung gegen seinen Vater. Er will, dass er nicht mehr existiert. Wie er befindet sich auch die Menschheit in einer Art Auflehnung gegen Gott. Sünde will letztlich den Tod des Vaters/Schöpfers.

2. Er denkt egoistisch. Es geht ihm nur um sich. Er will weg, er will das Geld, basta. Wie er damit seinen Vater verletzt und seine Familie bloß stellt spielt für ihn keine Rolle.

3. Prinzipiell war es möglich seinen Erbanteil vor dem Tod seines Vaters zu bekommen. Der Anteil des jüngeren Sohnes betrug ein Drittel (vgl. 2 Mo 21,17). Es wird nicht gesagt, dass der Sohn den Tod seines Vaters abwarten muss. Der Sohn hat kein Gesetz übertreten, wohl aber die kulturelle Einstellung und, und das ist das entscheidende, die Beziehung zum Vater zerstört.

4. Durch die Erbauszahlung ist die gesamte Großfamilie betroffen. Der Reichtum der Großfamilie, den alle zusammen durch harte Arbeit erwirtschaftet haben, bestand aus Land, Vieh und Häusern und war nicht wie heute in Aktien und anderen Geldanlagen angelegt. Ein Drittel dieses Vermögen auf einmal zu verlieren war ein großer Verlust, der alle traf. Dem jüngeren Sohn waren diese Konsequenzen bewusst, aber er nahm darauf keine Rücksicht.

5. Es ist keine Dankbarkeit für das ungewöhnliche Entgegenkommen des Vaters zu spüren.

6. Er übernimmt keine Verantwortung für sein Erbteil. Wer sein Erbe annimmt, nimmt damit auch seine verantwortliche Position in der Großfamilie an. Er hat die Pflicht die Familie zu versorgen, den Reichtum zu vermehren und die Ehre der Familie zu verteidigen. Außerdem muss er die Familie bei Festivitäten würdig vertreten. Der Sohn macht genau das Gegenteil! Er verkauft alles und haut ab. Er nimmt seine Privilegien in Anspruch ohne die Verantwortung zu übernehmen.

7. Er trennt sich von seiner Familie und damit von seinen Wurzeln. Die Familie hatte damals eine sehr viel wichtigere Bedeutung als in unserer individualisierten Gesellschaft. Die Sicherheit eines Menschen lag in seiner Familie. Familie bedeutete für einen Menschen soziale Versicherung, Altersversorgung, Schutz und seelisches Wohlbefinden. Ebenso trennt er sich von seinem Dorf und damit seiner Heimat. Alles das wirft er weg und zieht als Vagabund von dannen. Ein Vagabund genießt wenig Vertrauen in der Bevölkerung. Oder jemanden als Vagabunden oder als jemand ohne Wurzeln zu bezeichnen ist eine große Beleidigung. Übertragen gesehen bietet auch die Familie Gottes jedem Mitglied dieselbe Sicherheit wie die Großfamilie der damaligen Zeit.

8. Er weigert sich, seinen Erbteil mit dem Vater gemeinsam zu besitzen (Eigentumsrecht). Er will allein über das Geld verfügen (Kaufrecht). Er will seinen Teil unabhängig von seinem Vater verwalten.

9. Er ist voll verantwortlich. Er hat diese Entscheidung ganz bewusst getroffen. Das Schaf (erste Geschichte) konnte sich aufgrund seines schlechteren Orientierungssinns verlaufen und die Münze (zweite Geschichte) ist ein lebloser Gegenstand, aber für den Sohn gelten diese Gründe nicht.

Der ältere Sohn

1. Er hat mich Sicherheit alles mitbekommen. In der dörflichen Struktur des Nahen Osten bekommt jeder alles mit. Auch die Details wird er gewusst haben.

2. Er mischt sich nicht in den Konflikt seines Vaters mit seinem Bruder ein. Bei einem Streit gibt es immer die Möglichkeit der Klärung und Versöhnung. In dieser schamorientierten Kultur werden die beiden direkt betroffenen Parteien sich nie allein versöhnen, denn das würde zu einem Gesichtsverlust führen. Man kann nicht voreinander zugeben einen Fehler gemacht zu haben. Deshalb braucht es einen Vermittler (Mediator). Der Mediator pendelt zwischen beiden Seiten, redet mit ihnen und verhandelt eine Lösung, die beide akzeptieren können. Es darf dabei keine Verlierer oder Gewinner geben. Auf diese Weise findet Konfliktlösung in dieser Kultur statt. Vom älteren Bruder würde unausgesprochen erwartet zwischen seinem Vater und seinem Bruder zu vermitteln. Er wäre der perfekte Mediator gewesen, der von beiden akzeptiert worden wäre. Doch er weigert sich diese Rolle einzunehmen. Somit übernimmt er an dieser Stelle keine Verantwortung für die Gemeinschaft. Es zeigt sich, dass auch seine Beziehung zum Vater gestört ist.

3. Seine Verweigerung kann darauf hindeuten, dass es um die Beziehung der Geschwister auch nicht gut bestellt war. Er wird froh gewesen sein, dass sein kleiner Bruder endlich die Fliege macht. Er wäre dann mit ein Grund, warum der Jüngere die Familie verlassen hat. Im Osten wird das Alter geehrt. Der Ältere hatte aufgrund seines Alters besondere Privilegien. Die führten zu Arroganz. Vielleicht hat das mit dazu beigetragen, dass die Brüderbeziehung schon vor dem von Jesus geschilderten Vorfall angespannt war.

4. Er hat seinen Bruder nicht vom Gehen abgehalten. Er hat ihn nicht versucht vom Bleiben zu überzeugen und ihn vor den Gefahren einer Reise gewarnt. Nichts dergleichen ist zu lesen.

Der Vater

Die Reaktion des Vaters ist völlig überraschend. Anstatt Verweigerung und Strafe gibt er seinem Sohn um was er bittet. Wohl wissend was die Bitte bedeutet, lässt er seinem Sohn seinen Willen. Und er bricht die Beziehung nicht ganz ab. Keine Reaktion deutet darauf hin, dass der Sohn für ihn damit gestorben ist. Gott ist nicht wie ein orientalischer Patriarch. Trotz der Schande, die ihm sein Sohn bereitet, bricht er nicht mit ihm.

Zur Fortsetzung geht es hier.

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Der verlorene Sohn (Teil 3: Die verlorene Münze)

Das ist der dritte Teilo meiner Serie über die Geschichte vom verlorenen Sohn.  Zum ersten Teil auf HIER klicken und zum zweiten Teil gelangen sie, wenn sie auf DORT klicken.

Die zweite Geschichte

 8 Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, eine Lampe an und kehrt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet?  9 Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freut euch mit mir! Denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.  10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“

In der zweiten Geschichte geht es um eine Frau die eine Silbermünze verloren hat. Wieder geht es um verlieren, suchen und finden. Erstaunlich ist, dass Jesus in dieser Geschichte eine Frau zur Protagonisten macht. Wenn Jesus der gute Hirte ist, dann ist Jesus auch die gute Frau. Die Zuhörer sollten diese Schlussfolgerung ziehen. Der Mensch ist als Mann und Frau Gottes Ebenbild. Gott vereint weibliche und männliche Attribute. Daher kann Jesus sich als Frau sehen.

Diese Frau besitzt zehn Münzen. Es handelt sich vermutlich um eine Drachme, eine 4,3 Gramm schwere silberne griechische Münze. Ein solche Münze ist der gängige Tageslohn eines Arbeiters.

Es gibt zwei Möglichkeiten in Bezug auf den kulturellen Hintergrund der Geschichte. Eine Möglichkeit ist, dass die Frau die Münzen an einer Kette um den Hals trug. Dieser Schmuck wird als „Frauenbank“ bezeichnet. Es ist ihr weltlicher Besitz und ihre finanzielle Sicherheit, wenn der Mann sich von ihr schieden lässt oder stirbt. Eine dieser Münzen wäre dann abgefallen und sie hätte ein Teil ihrer Notfallversorgung verloren. Die zweite Möglichkeit scheint mir aber wahrscheinlicher. Bäuerliche Frauen trugen ihr Münzgeld in einem fest geknoteten Lappen bei sich. Damit konnten sie Essen besorgen und für den Unterhalt der Familie sorgen. Die Höhe der Summe deutet darauf hin, dass das Geld für eine längere Zeit (1-2 Wochen) reichen musste. Der Knoten hatte sich wohl gelöst und eine Münze ist herausgefallen. Eine Unachtsamkeit, für die die Frau selbst verantwortlich war. Sie hatte den Knoten nicht fest genug zugebunden.

Die Dorfhäuser in der Gegend Galiläa bestanden normalerweise aus Kalkpflaster oder aus glatten, ungehauenen Steinen aus schwarzem Basalt. Bei solchen Materialien entstanden mit der Zeit Risse im Boden, in die das Geld leicht fallen konnte. Das erschwerte die Suche natürlich. Hinzu kam, dass die Wände aus tiefschwarzem Basalt bestanden, die die Räume sehr dunkel machten. Auch durch die engen Fenster kam wenig Licht in die Wohnung. Daher musste die Frau ihre Lampe anzünden.

Und so suchte die Frau voller Energie in ihrem Haus nach der einen Münze. Sie wird sich sicher gewesen sein, dass sie die Münze nur im Haus verloren haben konnte. Das Bild vom Haus wählt Jesus mit gutem Grund. Die verlorene Münze steht für die verlorenen Sünder. Und sie gehören genauso zum Haus Gottes. Sie waren/sind Teil des Reichtums Gottes und sie konnte wiedergefunden werden. Wenn Jesu Kritiker auch suchen würden, könnten sie sie wieder zurückbringen. Stattdessen wenden sie sich verächtlich von ihnen ab.

Die Frau kann für den Verlust ihres Geldes mehr verantwortlich gemacht werden als der Hirte für das Verschwinden des Schafes. 100 Schafe im unwegsamen Gelände zu überblicken ist eine weitaus schwierigere Aufgabe als auf einen zusammengeknoteten Lappen aufzupassen. Die Frau hat dagegen keine Ausrede. Sie hat es verbockt. Wahrscheinlich hat sie sich selbst Vorwürfe gemacht: Wie konnte mir das passieren? Warum war ich unachtsam? Daher übernimmt die Frau auch die volle Verantwortung. Während der Hirte indirekt spricht: „mein Schaf, dass verloren war“ (6), spricht die Frau ganz offen über ihren Fehler: „ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte“ (9).

Wie der Hirte rief auch die Frau ihre Nachbarn und Freunde zusammen, um den Fund zu feiern. Auch hier kommen die kulturellen Sitten zum Vorschein. Die Frau feiert mit Frauen, während der Hirte mit Männern feiert. Nach den kulturellen Sitten wäre es für beide unangebracht gewesen mit dem jeweilig anderen Geschlecht zu feiern. Für die Frau war die wiedergefundene Münze ein Grund zu feiern. Einen ganzen Arbeitslohn aufgrund einer Dummheit zu verlieren war ein echtes Ärgernis. Die Freude bei ihr ist sehr verständlich. Und ist es nicht schön „Siege“ zu feiern? Ja, ähnlich wird es auch bei einem Zöllner sein, der zu Gott findet. Es löst große Freude aus, die in einer Feier ihren Ausdruck findet.

Buße ist auch in dieser Geschichte ein sich findenlassen. Das Schaf konnte aufgrund seines mangelnden Orientierungssinn nicht zurückfinden oder zumindest war es fast ausgeschlossen. Während das Schaf sich irgendwie fortbewegen konnte, lag die Münze einfach herum. Hätte die Frau nicht gesucht, würde die Münze noch immer unentdeckt irgendwo im Haus liegen. Vielleicht würde sie irgendwann ein Archäologe finden, aber dann auch nur, weil er Sucher ist. Gott ist ein Sucher! Er sucht, um zu finden und zurückzuholen. Und Gott liebt die Party. Für jeden Gefundenen schmeißt er eine Sause.

Das war die zweite Geschichte. Ihr findet sich eine zweifache Steigerung, die in der dritten und letzten Geschichte nochmals getoppt wird. In der ersten Geschichte ist das Verhältnis des Verlustes 1:100. In der zweiten Geschichte dann schon 10:1 und in der dritten Geschichte handelt es sich um einen von zwei. Die zweite Steigerung bezieht sich auf den Ort. In der ersten Geschichte befindet sich das verlorene Schaf in der Wüste. Die verlorene Münze befindet sich irgendwo im eigenen Haus. Die beiden Söhne in der dritten Geschichte sind verloren, weil sie aus dem Einflussbereich der Liebe des Vaters getreten sind.

Zur dritten Geschichte, der Geschichte vom verlorenen Sohn, und damit den nächsten Teil der Serie geht es HIER.

Der verlorene Sohn (Teil 2: Das verlorene Schaf)

Um die Geschichte des verlorenen Sohnes zu verstehen müssen wir den Kontext uns anschauen. Bevor Jesus zu dieser Geschichte kommt, erzählt er zwei andere Geschichten. Alle drei geschichten gehören zusammen. Darüber wer die Adressaten diese Geschichten sind und warum habe ich im ersten Teil geschrieben. Dazu einfach auf HIER klicken.

Die erste Geschichte

3 Er sprach aber zu ihnen dieses Gleichnis und sagte:

Hinein in diese Situation erzählt Jesus dieses Gleichnis (EZ). Das Gleichnis besteht aus drei Geschichten, die eine Einheit bilden. Wem erzählt er das Gleichnis? Mit „ihnen“ (3) sind eindeutig die murrenden Schriftgelehrten und Pharisäer gemeint. Damit ist das Gleichnis an eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen gerichtet. An Menschen, die sich daran störten, dass Jesus in Beziehung mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft lebte.

 4 Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eins von ihnen verloren hat, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?

Jesus nimmt ein Beispiel aus der Landwirtschaft. Die Pharisäer verdienten ihren Lebensunterhalt durch normale Arbeit. Das wurde von ihnen erwartet. Wer die Tora unterrichtete, durfte sich dafür nicht bezahlt lassen. Daher konnte Jesus die Pharisäer als Arbeiter ansprechen. Allerdings werden sie kaum Hirten gewesen sein, denn diese galten als unrein. Die Hirten waren normalerweise arme Männer, die ein Leben voller Entbehrungen führten. Möglich dagegen ist, dass sie Schafe besaßen. Doch sie hätten sich nicht selbst um sie gekümmert, sondern Hirten angestellt. Kein Gelehrter würde seinen Tag damit verbringen mit den Schafen durch die Gegend zu ziehen. Von daher war die Frage Jesu ungewöhnlich, denn aus Sicht der Pharisäer hätte sie eher lauten müssen: Wenn ein Herr von seinen Hirten erfuhr, dass ein Schaf verloren ging, dann hätte er den zuständigen Hirten losgeschickt, dass Schaf zu suchen.

Jesus verwendet in seiner Eingangsfrage die interessante Formulierung: „wenn er eines von ihnen verliert.“ Damit missachtet Jesus die normale indirekte Sprachgewohnheit seiner Zeit. Normalerweise gibt man sich die Schuld nie selbst und hätte formuliert: „wenn ein Schaf sich verlaufen hat“ oder „wenn ein Schaf verloren gegangen ist.“ Jesus dagegen spricht den Hirten direkt an und nimmt keine Rücksicht auf sein Ehrempfinden. Diese Abweichung ist wichtig. Letztlich sagt Jesus zu den Pharisäern: „Ihr habt euer Schaf verloren. Ich habe es gesucht und gefunden. Und jetzt kommt ihr  zu mir und beklagt euch. Was für eine Unverschämtheit! Schließlich bringe ich eure Fehler in Ordnung.“

Hundert Schafe zu besitzen ist ein beachtlicher Reichtum. War es nun vernünftig 99 Schafe zurückzulassen und das eine zu suchen? Die Frage dahinter ist was mehr zählt: der Eine oder das Kollektiv? Der Hirte entscheidet sich das eine Schaf zu suchen. Damit signalisiert er die Sicherheit von jedem Einzelnen: Du zählst! Hätte der Hirte auf das eine Schaf verzichtet, wäre jedem Schaf „bewusst“ gewesen, dass auch es im Zweifelsfall verloren wäre. Wenn jedoch der Hirte keine Mühen scheute das einzelne Schaf zu suchen, dann beinhaltet das größtmögliche Sicherheit.

Die Suche konnte mehrere Tage dauern. Die zerklüftete Wüste ist ein unwegsames Gelände und erschwert die Suche.

 5 Und wenn er es gefunden hat, so legt er es mit Freuden auf seine Schultern;

Nachdem der Hirte sein Schaf wiedergefunden hatte, legte er es über beide Schultern. Der Bauch des Tieres wurde gegen den Nacken gedrückt und die vier Beine vor dem Gesicht zusammen gebunden. Mit dieser Technik trugen die Hirten des Nahen Ostens ihre Schafe. So hatten sie das Tier voll unter Kontrolle und noch eine Hand frei zum Klettern.

Als der Hirte sein Schaf gefunden hatte, lag der schwerste Teil seiner Arbeit noch vor ihm. Er musste das schwere Tier durch abgeschiedenes unwegsames Gelände zur Herde tragen. Das war eine extrem anstrengende Arbeit. Es wäre mehr als verständlich, wenn der Hirt geflucht hätte oder gar gehofft, dass das Tier schon tot wäre. Doch der Hirte trägt das Tier mit Freuden (5). Ein tolles Bild über den guten Hirten Jesus, dem keine Last zu schwer ist, ein wiedergefundenes  Schaf zurück zur Herde zu führen. Mit Freude nimmt er diese Mühen und Schmerzen auf sich.

 6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und die Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir! Denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

Zur der damaligen Zeit spielte die Großfamilie ein ganz andere Rolle als in unserer Zeit. Eine Familie lebte normalerweise als Großfamilie in einem Dorf zusammen. Der Zusammenhalt war groß und aus wirtschaftlichen Gründen auch nötig. Daher betraf der Verlust eines Schafes immer auch die gesamte Dorfgemeinschaft. Deshalb freute man sich gemeinsam, wenn ein verlorenes Schaf wieder gefunden und nach Hause gebracht werden konnte.

Genauso ist ein verlorener Mensch ein Verlust für die Familie Gottes. Wenn jemand verloren geht, sollte sie Gemeinschaft trauern. Und der Hirte, der das verlorene „Schaf“ zurückbringt, sollte als Held gefeiert werden.

Die Pharisäer waren als religiöse Führer die „Hirten Israels.“ Deshalb ist es verständlich, warum Jesus sie verantwortlich macht, wenn ein Schaf aus der Herde verloren geht.

Zusammenfassend macht der Hirte vier Dinge:

  • Er übernimmt Verantwortung für den Verlust
  • Er sucht nach dem Schaf ohne auf die Kosten zu achten
  • Er trägt das Schaf trotz der Mühen mit Freude heim
  • Er freut sich mit der Gemeinschaft über den Erfolg seiner Mission

 7 Ich sage euch: So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die die Buße nicht nötig haben.

Mit diesem Satz schließt Jesus die erste Geschichte ab. Damit zeigte er seinen Humor, denn es gibt keine „Gerechten“, die der Buße nicht bedürfen. Daher kann die Freude im Himmel auch nur minimal sein. Jesu Absicht mit dieser Aussage war es die Pharisäer an zwei Bibelstellen zu erinnern. In Jesaja 53,6 steht: „Wir gingen in die Irre wie Schafe“ und in Prediger 7,20: „Denn es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er nur Gutes tue und nicht sündige.“

Mit dieser Aussage erklärt Jesus auch die Bedeutung der Geschichte. Das verlorene Schaf steht für den reumütigen Sünder. Das hätte der Hörer nicht unbedingt erwartet oder doch? Das Schaf steht für Reue. Was will Jesus über Reue sagen? Reue hat etwas damit zu tun sich finden zulassen. Das Schaf ist verlorengegangen und hatte keine Überlebenschance mehr. Es kann nicht mehr tun außer zu hoffen, dass der Hirte es findet. Das Schaf, dass sich findet lässt wird zum Symbol für Reue. Reue ist keine Tat, durch die wir unsere Rettung verdienen. Der Sünder lässt sich finden und Heim bringen. Das ist Reue.

Im nächsten Teil geht es um die zweiten Geschichten in der Triologie. Ihr Titel lautet: Die verlorene Münze.

Der verlorene Sohn (Teil 1: Die Vorgeschichte)

Mit dem heutigen Beitrag werde ich eine kleine Serie über das Gleichnis vom verlorenen Sohn starten. Inspiriert hat mich dazu ein geniales Buch von Kenneth E. Bailey.  Ich werde hier seine Gedanken mit einbringen.

Die Vorgeschichte

Lukas 15:1-3  „Es nahten sich aber zu ihm alle Zöllner und Sünder, ihn zu hören;  2 und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen. 

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Dort wird er am Kreuz sterben müssen. Das war Jesus bewusst. Auf seinem Weg kommt es wieder einmal zu einer Konfrontation mit dem religiösen Establisment. Sie fühlen sich von ihm bedroht. Jesus reagiert auf ihr Murren, indem er drei Gleichnisse erzählt. Diese bauen aufeinander auf und finden ihren Höhepunkt im Verhalten des älteren Sohnes. Wie wird er auf die Bitte der Versöhnung reagieren? Doch erstmal der Reihe nach. Die Zuhörerschaft Jesu bestand aus Pharisäern und Schriftgelehrten. Der Name Pharisäer bedeutet „Abgesonderte bzw. der sich absondert.“ Diese Bedeutung charakterisiert ihr Selbstverständnis als Bewahrer des Judentums und ihr Bemühen ein reines, heiliges Leben zu führen. Gleichzeitig wird es von ihren Gegnern als Schimpfwort für ihre Weltfremdheit und Ablehnung allem weltlichen gewählt. Der Pharisäismus wurde zu einer Bewegung innerhalb des Judentums, der allen Kreisen des Volkes offen stand. Mit ihrer Idee, der Verwirklichung des Gesetzes im Alltag, erreichten sie alle Schichten. Die Schriftgelehrten waren im Gegensatz zu den Pharisäern keine Laiengruppe, sondern ausgebildete Toragelehrte. Manche Schriftgelehrte gehörten zur Partei oder Gruppe der Pharisäer, manche nicht. Die Schriftgelehrten waren eine Art Zunft. Nur der voll ausgebildete Gelehrtenschüler inklusive Ordination gehörte als berechtigtes Mitglied zu ihnen. Sie galten als Kenner des göttlichen Willens, den sie lehrend, richtend und predigend verkündigten. Die Beschwerde der Schriftgelehrten und Pharisäer an Jesus war, dass er die Sünder annimmt und mit ihnen isst (2). Drei Gruppen sind an diesem Konflikt beteiligt: Jesus, die Religiösen (Pharisäer und Schriftgelehrten) und die Nicht-Religiösen (Sünder). Jede dieser drei Gruppen taucht dann in jedem der drei Gleichnisse auf. Im ersten Gleichnis geht es um Tiere, im zweiten um Münzen und im dritten um Menschen.

Zur Zeit Jesu galten die Zöllner allgemein als Sünder. Sie wurden von der Bevölkerung gehasst, denn sie kooperierten mit der römischen Besatzungsmacht. Die römische Besatzungsmacht teilte das eingenommene Territorium in Gebiete ein und verpachtete es an Steuereintreiber weiter, um Steuern einzutreiben. Eine Einzelperson konnte also von der Besatzungsmacht das Recht pachten, in einem bestimmten Gebiet Steuern einzutreiben. Um das Geschäft mit den Steuern für Pächter lukrativ zu gestalten, durften die Pächter den Steuersatz selbst festlegen und eintreiben, was einzutreiben war. Sie mussten aber  einen festen Betrag an die römische Besatzung abtreten. Der Rest gehörte ihnen. Die „Steuerpächter“ waren in der Regel Nichtjuden. Um ihre Aufgabe zu erledigen, stellten sie zusätzliche Personen aus der Bevölkerung ein. Es liegt auf der Hand das es bei diesem System viele Schieberein gab und der Korruption Tür und Tor geöffnet wurde.

Der Unmut der Bevölkerung über die Willkür der Steuereintreiber war mehr als verständlich. Hinzu kam, dass die Bevölkerung allgemein darunter litt von einer starken Besatzungsmacht besetzt zu sein. Meist entwickelt sich in solch einer Situation ein starker Nationalismus und Kollaborateure, wie sie die Zöllner waren, wurden gehasst. Noch heute gilt es in der arabischen Welt als größte Beleidigung „Agent des Imperialismus“ bezeichnet zu werden. Gerade in Zeiten von starkem Nationalismus, wie das zur Zeit Jesu war, wurde besonders diejenigen, die sich mit der Regierung arrangierten und sogar kooperierten zum Feindbild.

Die Zöllner wurde daher als Sünder gebrandmarkt. Als Menschen die unrein sind, die die Gesetze brechen und Menschen ohne moralische Prinzipien sind. Und zugleich galten sie als Verräter an ihrem eigenen Volk.

Sünder und Zöllner nahten sich Jesus (1). Sie gehörten zu seinen Zuhöreren. In seiner Gegenwart waren sie gerne. Das ärgerte die religiösen Eliten. Wie das Volk Israel gegen Mose und Aaron in der Wüste murrte (2Mo 15,24; 2Mo 16,2.7-8), empörten sie sich (2). Denn die Sympathien waren beidseitig. Jesus nahm die Sünder an und aß mit ihnen (2). Annehmen darf dabei nicht als Akzeptanz oder lose Beziehung verstanden werden, sondern als ein Annehmen als Freund. Jesus selbst erwarten von uns ihn auf- bzw. anzunehmen (Mk 9,37). Seine Annahme zeigte sich konkret beim Essen. Mit anderen Menschen zu essen, ist im Nahen Osten eine sakramentale Handlung und zeigt ein Angenommensein auf tiefer, persönlicher Ebene. Wer miteinander isst, signalisiert Respekt, Freundschaft und Annahme. Das brachte Jesus den Sündern entgegen und löste bei den Pharisäern große Unzufriedenheitaus, die zunahm und wenig später am Kreuz ihren Höhepunkt erreichte.

Hier es zum zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten Teil.