Ich und Hermeneutik

Am Wochenende halte ich meine allererste Vorlesung und ihr könnt euch vorstellen, dass ich zunehmend aufgeregt bin. Ich werde an der Pionierakademie Hermeneutik unterrichten. Hermeneutik ist mit Sicherheit eines der spannendsten Felder der Theologie, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so klingt. In der Hermeneutik geht es darum, wie wir die Bibel zu verstehen haben. Insofern hat jeder schon seine Hermeneutik, denn wir versuchen die Bibel, wie auch immer, zu verstehen.

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Immer wieder haben Theologen versucht den Menschen ihrer Zeit die biblische Botschaft nahe zu bringen. Dabei könnte ihr Ansatz nicht unterschiedlicher sein. Rudolf Bultmann schrieb im Kontext der Moderne noch: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“ Unvorstellbare Gedanken für den postmodernen Weltenbürger. Der nimmt sehr wohl die modernste Medizin in Anspruch und feiert gleichzeitig das Fest des Erzengels Michael oder lässt sich von irgendeinem Heiler behandeln. Warum? Sein Denken hat sich verändert und kommt den Verständnis der Bibel in machen Punkten näher. Und damit wären wir bei der Hermeneutik. Wie will die Bibel verstanden werden? Daraus ergeben sich viele interessante Fragen:

  • Die Bibel ist die Wahrheit – doch was bedeutet Wahrheit?
  • Gibt es die eine objektive theologische Betrachtungsweise? Wenn ja: Müssten dann nicht alle Theologen zu denselben Ergebnissen kommen?
  • Welchen Einfluss hat meine Kultur (Sozialisation, Erfahrung etc.) auf die Art und Weise, wie ich mit der Bibel umgehe?
  • Ist der Heilige Geist die notwenige Voraussetzung um die Schrift verstehen und auslegen zu können? Oder: Muss man gläubig sein um die Schrift zu verstehen?
  • Ist die Bibel die einzige, schlussendliche Autorität, in Fragen der christlichen Lehre?
  • Macht die Bibel klare, eindeutige Aussagen oder bleibt vieles offen?
  • Beinhaltet die Bibel Fehler und Widersprüche? Wenn nicht, ist sie dann irrtumslos?
  • Inwiefern könnte man sage, dass Jesus zwar Gottes Sohn ist, aber damit doch nicht alles stimmt, was über ihn erzählt wird?
  • Wer versteht die Bibel eigentlich besser – die Gelehrten oder die Laien?
  • Was ist in der Bibel allgemeingültig und was kulturell bedingt?Und wer darf das entscheiden?

Das sind einige der Fragen, die ich mit den Studenten beleuchten will.

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Das Jahr der Stille

Ich möchte euch auf ein sehr cooles Projekt aufmerksam machen und zwar das „Jahr der Stille: Gottes Lebensrhythmus entdecken.“

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Das „Jahr der Stille 2010“ will helfen, Balance zu finden. Ein gesundes Gleichgewicht
zwischen Arbeit und Ruhe. Gottes faszinierenden Lebensrhythmus entdecken, den er
selbst in uns angelegt hat. Neue Impulse bekommen über das fruchtbare Wechselspiel
von Aktion und Stille. Stille einbauen lernen in den ganz normalen Alltag von Beruf,
Familie und Gemeinde. Beginn ist im Advent 2009.

Ziele des Projektes sind:

  • Gott in der Stille suchen. In ihm ruhen und sich gelassen an seiner Gegenwart freuen.
  • Gott im Gebet begegnen und achtsam sein Wort lesen.
  • Eine Neujustierung vornehmen für eine gesunde Balance zwischen Ruhe und Aktion
  • Stille-Zeiten, Retraiten und Fastenangebote neu entdecken
  • Hilfreiche Muster erlernen und sich austauschen über Erfahrungen mit der Stille.
  • Stille-Elemente einbauen in den Alltag von Familie, Beruf und Gemeinde
  • Als Leitungs- und Mitarbeiterkreise endtecken, wie Entscheidungen aus dem Hören auf Gott getroffen werden.

Ich will mich aktiv an der Aktion beteiligen und würde mich freuen, wenn viele im nächsten Jahr mitmachen, Stille in ihrem Leben zu integrieren, denn …

Stille ist etwas Gutes.
Aber wir kommen so selten dazu.

Arbeit und Stille gehören zusammen.
Aber oft regieren nur Stress und Hektik.

Eigentlich sind wir dafür.

Aber insgeheim laufen wir davor weg.

Hier gibt es noch eine Geschichte zum Thema Stille zu lesen.

Das Gesetz – hypotetischer oder kategorischer Imperativ

In der Bibel stehen viele Gesetze. Wie können und müssen wir sie verstehen? Dazu einige Gedanken von Kurt Hübner aus seinem Buch Glauben und Denken.

„Auf den ersten Blick scheint also das Jüdische Gesetz philosophisch ausgedrückt, nur hypothetische Imperative zu enthalten. Darunter versteht man solche, die nicht etwa kategorisch und damit absolut fordern, sondern nur unter einer Bedingung, im gegebenen Fall also unter der Bedingung, dass ein bestimmtes Ziel angestrebt wird, nämlich Glück und Heil der Nation und der ihr Zugehörigen. Ein solches Verständnis von Imperativen wird als Utilitarismus bezeichnet. …  Nun enthält aber das Jüdische Gesetz auch moralische Forderungen, z.B. im Dekalog (die Zehn Gebote), und folglich müssten auch sie utilitaristisch gedeutet werden. Dagegen erhebt sich jedoch der alte Einwand, dass damit das Moralische, eben weil es so als bloßes Mittel für menschliches Glück betrachtet wird, nur eine besondere Form des Egoismus darstelle, während es doch andererseits gerade Ausdruck der Selbstlosigkeit sein sollte. Der Streit, was in diesem Sinne das Moralische eigentlich sei, beginnt schon in der Antike und ist niemals endgültig beendet worden. Dabei geht es beispielsweise um die Frage: Sollten wir deshalb nicht lügen, weil Lügen kurze Beine haben (hypothetischer Imperativ) oder weil Lügen sich absolut verbietet (kategorischer Imperativ)? Sollten wir uns allgemein gesprochen moralisch verhalten, weil wir damit a la long besser fahren, oder sollen wir uns in Absehung aller möglichen Vorteile moralisch verhalten, ja u.U. sogar um den Preis des eigenen Lebens?“ (S.158)

Diese Frage führt zu dem Punkt um was es Gott eigentlich geht. Er hat den Menschen in sein Ebenbild geschaffen und ihn somit in Beziehung zu ihn gesetzt. Gott will Beziehung zu uns Menschen. Das Gesetz muss also immer Kontext der relationalen Verbindung von Gott und Mensch gesehen werden.

„Dabei wird jedoch oft übersehen, dass die Gebote des Gesetzes als Gottes Liebe zu seinem Volk zu verstehen sind: Hat er sie ihm nicht gegeben, um ihm Wohlstand und Heil zu sichern? Ist er den Juden nicht wie der Vater, der es mit seinem Kinde gut meint, auch wenn er sie die Härte der Folgen spüren lässt, die es wegen seiner Verfehlungen zu tragen hat? Die Furcht von Jahwe ist also eher einsichtige Verehrung und jene hingegebene Liebe, welche der hingegebenen Liebe entgegengebracht wird.“ (S.159)

Auch das Gesetz ist Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen. Indem wir uns danach richten tun wir uns und unseren Mitmenschen Gutes und gleichzeitig bringen wir Gott unsere Ehrerbietung entgegen. Doch wie und wann halte ich den das Gesetz konkret? In vielen Situation ist das gar nicht so einfach.

„Der Geist des Jüdischen Gesetzes ist wie bereits gezeigt, die Barmherzigkeit und Liebe Gottes, die dem Menschen in seinem Verhältnis zu seinem Nächsten als Leitbild dienen soll. Die Liebe allein würde aber nicht genügen, der Ordnung einer Lebensgemeinschaft jenes Gerüst aus Regeln zu geben, ohne das sie gar nicht möglich wäre – diese Regeln sind der Buchstabe des Gesetzes; und doch ist ja der Buchstabe nur des Geistes (der Liebe) wegen da. Nun wird es immer Fälle geben, in denen der Buchstabe als allgemeine Regel der unendlichen Mannigfaltigkeit der Lebenswirklichkeit nicht gerecht wird und damit zum Geiste der Liebe, dem er ja dienen soll, in Widerspruch gerät. Wir aber dürfen uns nicht zu Dienern des Buchstabens machen, sondern des Geistes.“ (S.160-161)

Das Halten der Gebote ist stets ein Ringen um Erkenntnis. Die von vielen geforderte  Sicht die Gebote der Bibel in allem wörtlich zu nehmen ist Unsinn. Niemand hat das im Laufe der Kirchengeschichte je getan und die, die es vorsucht haben sind grandios gescheitert. Wir müssen den Geist des Gesetzes erfassen und in der jeweiligen Situation in diesem Sinne  handeln. Da kann es sein, dass wir in unterschiedlichen Situationen gemäß ein und demselben Gesetz unterscheidlich handeln.