Ich habe es getan. Nach Jahren bewusster Abstinenz spürte ich, dass es mal wieder dran war. Ich wollte spüren und fühlen. Über Jahre habe ich es geliebt und es hat mir viel gegeben nun aber ist es einfach nicht mehr mein Style – ich war auf einer „typischen“ christlichen Konferenz. Da ich mir aber nicht gleich zu viel zumuten lassen wollte, habe ich mal mit einem Abend angefangen. Die ganze Sache hat sich eigentlich recht spontan ereignet und irgendwie wollte ich die mir bietende Gelegenheit nicht verpassen. Also fuhr ich mit einem guten Bekannten dort hin. Die Veranstalter versprachen mir mich „upzuwaken“ und ich war gespannt wie sie das anzustellen versuchten, wobei ich es mir ehrlich gesagt schon denken konnte. Also viel Überraschendes passierte dann auch nicht. Wir kamen in die extra dafür angemietete Stadthalle, etwas verspätetet und zu meiner Verwunderung schienen wir Gefahr zu laufen keinen Sitzplatz mehr zu bekommen. Hätte nicht gedacht, dass sich so viele junge Leute anlocken lassen. Den Auftakt – ein mir nichtssagendes Drama – sahen wir uns im Stehen an, ehe wir auf unserer Sitzplatzsuche doch noch erfolgreich waren. Nach dem anfänglichen Geplänkel aus Begrüßung und Ansagen kamen die Berichte von den natürlich obergenial gelaufen Workshops, einer davon Evangelisation. Meine Güte, dachte ich nur, warum setzen die das gelernte immer gleich um? Ist Straßenevangelisation wirklich so clever? Während ich noch nachdachte kam auch schon das Worshipteam auf die Bühne. Doch zuvor wurde noch ein Opfer eingesammelt und ich sollte mich wirklich frei fühlen nichts zu geben. Allerdings sollte ich mir diese Freiheit erst noch vom Herrn persönlich genehmigen lassen. Der musste an diesem Abend recht nachsichtig mit dem Tasschengeld der Jugendlichen gewesen sein, denn ein metalliges Klappern breitete sich im Saal aus und als der Eimer schließlich bei mir in der fast letzten Reihe ankam wog er ziemlich schwer. Doch nun sollte es, wie schon angedeutet, endlich zum Lobpreis kommen. Bis es so weit war wurde noch der heutige Sprecher vorgestellt. Er wurde extra auf England eingeflogen, ist dort Leader eine großen Jugendbewegung. Und das wir auch wirklich glaubten, dass diese Jugendbewegung groß ist und überhaupt Gott diesen Mann super mächtig gebraucht, wurden uns noch drei beeindruckende Zahlen geliefert. Erfurcht verbreitete sich im Saal. Was mich zum Gedanken brachte zu überlegen, was eigentlich Erfolg ist und ob die gelieferten Zahlen wirklich im Sinne Gottes reiche Frucht sind. Warum immer dieses spielen mit den Zahlen? Würde man auch jemand wie mich einladen, der keine beeindruckenden Zahlen vorweisen kann? Nein, ich bin nicht neidisch. Ist mir nur aufgefallen. Endlich nun Lobpreis, nach zwei anfänglichen Party-Jesus-Liedern, die ich ehrlich gesagt richtig toll fand folgte der ernstere Part. Wir sollte Jesus sagen was er uns bedeutet. So weit so gut. Die Texte der folgenden Lieder waren wenn man es genau nimmt immer die gleichen: Jesus du bist alles für mich. Du allein bist genug. Mehr von dir, denn nichts brauche ich mehr als mehr von dich! Ich checkte aus. Bei solchen Texten kann ich einfach nicht mehr mit. Warum? Ich halte sie für Unsinn. Ich sang diese Texte früher selbst voller Leidenschaft und sie führten den eh schon einsamen Martin noch mehr in die Einsamkeit. Ich brauche doch nur Jesus! Warum Freunde? Warum Parties? Warum Gemeinschaft? Warum sich von Menschen helfen lassen?… Nun kannst du mir vorwerfen ich habe die Texte missverstanden. Doch was suggerieren sie? Ich brauche Jesus, ja. Er ist der Chef, ja. Doch will er wirklich alles sein? Will er, dass ich nur ihn brauche? Dass wenn es klemmt ich immer nur zu ihm geh? Ich glaube, dass Jesus ein Freund des Lebens ist und alles was das Leben schön und lebenswert macht, er auch will. Ich brauche ihn (Jesus), genauso wie ich vieles andere in meinem Leben brauche und meistens auch davon mehr. Jede Lobpreiszeit hat ein Ende, so auch diese und nun kam der Engländer. Einfach herrlich dieses Englisch! John, lass uns ihn mal so nennen, der extra aus England … (ihr wisst schon wer) Redner erzählte mir von der knechtenden Sünde. Dies machte er auch anständig und didaktisch einwandfrei. Wobei er nicht drei Punkte hatte, sondern deren vier. Der vierte, wie ich fand auch der gewichtigste, musste wohl aus Zeitgründen stark gekürzt werden. Schade! Sünde ist nun kein angenehmes Thema und als er anfing verschiedene Sünden zu nennen fand ich mich natürlich darin wieder – wie wohl jeder im Raum. Zu viele Christen leben in Gefangenschaft von Sünde anstatt ein Leben in Freiheit zu führen, verdeutlichte er uns. Er hatte auch den Eindruck, dass im Raum ein paar von solchen Christen sind. Obwohl wir Heilige sind, leben viele in Gefangenschaft. Das muss sich ändern und heute war der Tag dafür. Heute sollten Viele in die Freiheit geführt werden! Doch geht das so einfach? Nach der Predigt nach vorne gehen, für sich beten lassen und frei? Ich bin mir da nicht so sicher. Was heißt eigentlich Gefangenschaft? Wann bin ich gefangen? Wann frei? Wie gehe ich konkret mit Sünde um? Diese Fragen wurden leider nicht beantwortetet. Ich weiß, man kann nicht alles in eine knappe Predigt packen, dennoch hätte ich mir mehr alltagsrelevante Hilfestellung gewünscht… Viele folgten Johns Aufruf, um für sich beten zu lassen. Die Stimmung stieg und bei den abschließenden Liedern bebte der Saal. Eine neue Aufbruchsstimmung entstand und zeigte sich an der Begeisterung der Teens. Der Abend neigte sich zu Ende. Das letzte Gebet wurde gesprochen. Ich hatte meine Konferenzerfahrung. Die Versammlung löste sich sehr schnell auf und nach mehreren Minuten konnte ich nur noch vereinzelt Leute in der Halle sehen.

Übrigens: Nach dem offiziellen Ende beobachtete ich noch das Lobpreisteam und was ich sah verzückte mich. Einer nahm sein Saxophon, fing an zu spielen, der Schlagzeuger stieg mit ein, gefolgt vom Bassisten und einer genialen Sängerin und es entstand eine improvisierte Jazzsession. Während die Halle sich leerte, geriet mein Herz in Wallung, ich lehnte mich zurück und genoss die Musik. Ich fühlte mich Gott nahe. Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet! Warum spielen die erst nach dem Amen richtig geile Mucke?

Nach der Veranstaltung traf ich noch überraschend einen Studienkollegen. Er fragte mich auch gleich wie ich es den fand. Was sollte ich ihm antworten, schließlich war er im Mitarbeiterteam. Meinen Kommentar, dass solche Konferenzen einfach nicht mein Style sind, verstand er, wobei er auch gleich anmerkte, dass sie ihm als Jugendlichen viel gebracht hatten. In mir reifte der Gedanken, dass es solche Treffen brauchte. Jedoch würde ich sie anders aufziehen. Konkrete, alltagsrelevante Hilfestellung; viel Feiern; Gottes Nähe spüren lernen; nichts erzwingen, nicht pushen; viel Zeit zum Austausch; kreative Formen von Gottesbegegnung; Leben genießen.

Was denkt ihr?

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12 Kommentare zu „Wacht auf!

  1. Das mit den „Ich-brauche-NUR-Jesus“-Liedern hab ich auch genau so erlebt!

    Das führte dann zu dem Denken: Wenn ich genug Jesus habe läuft alles wunderbar! Und wenn es nicht gut läuft bin ich halt nicht nah genug an Jesus dran. Denn ich brauche ja NUR ihn…

  2. Hallo Martin,

    ich stimme dir voll zu was die praxisnähe der Predigten Betrifft. Predigten bestehen viel zu oft aus vielen Worten die keinen oder nur viel zu wenig Praxisbezug haben. Ich würde mir hier ebenfalls praxisnähere Inputs wünschen.

    Mir hat es noch nie etwas gebracht, wenn jemand vorne stand der als der „perfekte Mensch“ dargestellt wurde und mit Zahlen versucht wurde dieses „perfektsein“ zu belegen.

    Mir hat es immer mehr gebracht, wenn ich mich persönlich mit jemandem über unserer beider Situationen austauschen konnte, ohne dasss einer von uns beiden dabei perfekt sein musste.

    Gruß Bernadette

  3. @Ben
    genau du sagst es! Die Sache ist ja, dass wie Jesus ohne wenn und aber brauchen und er uns helfen kann. Die Frage ist halt immer wie. Und dabei ist das Problem, dass leider zu oft dualistisch gedacht wird (geistlich – weltlich). „Mehr von Jesus“ oder „allein Jesus“ bedeutet dann mehr geistliche Welt, was in der Praxis mehr und längere Gebetszeiten, Lobpreis und Gottesdienst etc. heißt. Wenn man es unter dem Paradigma von „Leben in der Schöpfung“, also Aufhebung des Dualismus geistlich-weltlich sieht, bekommen solche Aussagen eine andere Bedeutung. Leider habe ich den Eindruck, dass gerade auf Konferenzen die dualistische Sicht gefördert wird. Das Programm ist ja quasi fast ausschließlich geistlich.

  4. @Bernadette
    cool, erster Kommentar von dir! Die Gefahr ist, dass Formulierungen gebraucht werden, die die Zuhörer zwar kennen, aber nicht unbedingt verstehen oder Formulierungen die nie wirklich erklärt werden oder einfach schwammig sind und zu christlichen Phrasen werden wie „frei von Sünde“, „Leben in Gottes Gegenwart“ etc.

    Die Zahlen sollten wohl belegen oder verdeutlichen wie mächtig Gott diesen Mann gebraucht und das wir auch wirklich von seiner Salbung emfangen sollten. Ich bezweifle überhaupt nicht, dass Gott durch ihn wirkt. Mich haben die Zahlen gestört, zumal Zahlen extrem subjektiv sind.

  5. Ein Lobpreisteam das kreativ improvisierend am Ende eine Jazzsession hinlegt und in der Konferenz die gleichen aufgesetzten Lieder herunterträllern.
    Hab ich das richtig verstanden, oder sehe ich das zu stark schwarz weiß?

  6. @rostocklauterbacher
    Also, ein Lobpreisteam, das kreativ improviserend am Ende eine Jazzsession hinlegt (was ich richtig geil fand!) spielte in der Worshipzeit u.a. Lieder mit deren Texte ich nicht nur nichts anfangen konnte, sondern die ich inhaltlich fragwürdig finde.

  7. Ich beglückwünsche jeden, der vom idealistischen Leichtglauben zum Zweifeln und Hinterfragen gelangt. Solche Leute sind mir stets sympathisch.

    Mit der Jugend kann man ja alles machen, Begeisterungsfähigkeit, Idealismus und mangelnde Lebenserfahrung sind eine gute Kombi dafür.

    Aber spätestens mit 30 sollte man schon fähig sein, den Rummel kritisch zu reflektieren. Auf so eine „Konferenz“ bringen mich keine zehn Pferde mehr. Das ist ganz sicher nicht die Hauptbühen des Reiches Gottes (aus Seiner Sicht gesehen). Im Gegenteil.

    Aber um den Genuß der Jam-Session beneide ich dich. Schön, daß die Musiker dazu den Mut (oder die Freiheit) hatten. So eine konferenz dürfte für die auch recht hohen psychischen Streß bedeuten.

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