Ertappt worden …

Ich habe letztens die geniale Gesellschaftsanalyse „Global Players“ von Sascha Lehnartz mit Genuss gelesen. Gelacht, mich amüsiert, gegrinzt und …  ja und … mich ertappen lassen. Während ich grinzenten in meinem Sessel saß und aufblickte erschien quasi ein großer Spiegel und ich schaute in ein verdutztes Gesicht, das ich sehr gut kenne, denn jeden morgen beim Waschen begegne ich ihm. Mist, er redet von mir. Mist, irgendwie gehöre ich auch zu denen. Mist, das trifft auch auf mich zu. So z.B.:   

 

„Büchner etwa war schon im Deutschunterricht so ein Fall, der stets Komplexe verursachte. Stirbt mit 23, der Mann, und hinterlässt ein „Werk“. Die meisten 23jährigen haben da gerade mal ein Werkspraktikum hinter sich. Dabei ist es wahrscheinlich gar nicht so schwer, mit 23 zu sterben und ein Werk zu hinterlassen. Man muss nur früh genug den Mumm haben, eins zu beginnen. Nicht erst noch ein Aufbaustudium absolvieren. Die meisten Leute haben die zwei bis drei wirklich originellen Ideen ihres Lebens im Alter zwischen 13 und 21. Sie müssten sie einfach nur aufschreiben, umsetzen. Danach kommt nicht mehr viel. Wer zögert, weil er glaubt, er müsste erst noch mehr wissen, hat schon verloren. Der Moment zwischen dem ersten Zögern und dem Moment, da man wegen fortschreitendem Haarausfall bereits nicht mehr als Nachwuchstalent durchgeht, ist erschreckend kurz. Das Klofenster der Opportunität schließt sich, und es bleibt nur noch die Flucht ins Ressentiment gegen die Jüngeren, die dreist genug sind, genau das zu machen, was man seit Jahren in irgendwelchen Schubladen vergilben lässt.“

 

Und nun? Ich gehe schon auf die 30 zu. Ich glaube, jetzt ist es wirklich zu spät für mich und außerdem … Scheiß Ausreden!

 

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Auf den Spuren der Mönche

Nach einer genialen Vorlesung über Kirchengeschichte machten wir uns auf zu einer Exkursion ins Kloster Bad Wimpfen. Ziel war es mehr über die Mönchsbewegung zu erfahren und gleichzeitig ins Leben der Mönche einzutauchen. Auch wenn im Kloster Bad Wimpfen keine „richtigen“ Mönche mehr leben, wird vom dortigen Priester Dr. Franziskus Eisenbach klösterliches Leben in Form von gemeinsamen Gebetszeiten aufrecht gehalten. Vier mal am Tag begaben wir uns in die kalte Kirche und sangen mit, hörten zu, sahen unseren Atem, meditierten und schwankten zwischen Begeisterung und Trübsal. Ja, es hat was in diesem Ambiente mit allen drum herum zu beten und den Gesang zu hören und doch fand ich mich dabei nicht zu Hause.

 

Franziskus Eisenbach nahm uns dann noch mit hinein in die Mönchbewegung. Wir erfuhren von ihm mehr über die Geschichte, das Anliegen und die verschiedenen Bewegungen des Mönchtums. Wir hörten von Bettelorden, Seelsorgeorden, caritativen Orden und monastischen Orden, von Trappisten, Benediktinern, Franziskanern, Dominikanern… Es gibt Orden, die sich hinter ihre Klostermauern zurückziehen, um dort in aller Stille und Armut Jesus nachfolgen und Gäste an ihrem Leben teilhaben lassen. Andere Orden leben zwar hinter ihren Mauern, nehmen aber aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, wieder andere leben in kleinen Lebensgemeinschaften oder jeder für sich und gehen ganz „normalen“ Berufen nach. Wie wir erfuhren, war das Grundanliegen der Mönche Jesus nach dem Modell seiner Jünger nachzufolgen. Sie stellten sich die Frage, wie diese Nachfolge konkret aussieht. Viele hielten sich dabei an die sogenannten evangelischen Räte Keuschheit (Ehelosigkeit), Armut und Gehorsam. Die evangelische Räte bezeichnen jene Weisungen („Räte“), die Jesus nicht allen Jüngern gab, sondern nur denen, die er für berufen hielt. Sie werden als wichtige Marksteine für die Christus-Nachfolge angesehen. Der Begriff „evangelisch“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht „der Evangelischen Kirche angehörig oder zuzuordnen“, sondern „aus dem Evangelium“ bzw. „dem Evangelium gemäß“.

 

Für uns stand die Fragen im Raum: „Was können wir von den Mönchen lernen?“ und „Wie könnte mönchisches Leben heute aussehen?“ Die Zeit brachte mir einige Anregungen.

Eine Art zu trauern

Das Thema Tod ist in unserer Gesellschaft größtenteils tabuisiert und in Krankenhäuser, Pflegeheime verlagert. Doch der Tod ist überall. Menschen sterben und Tod ist immer ein Verlust. Je nach dem wie nahe ein Mensch uns stand müssen oder dürfen wir trauern. Trauern ist wichtig. Neulich bin ich beim lesen eines weisen Buches, der Bibel, auf einen Mann gestoßen, der viel zu trauern hatte.  Jeremia lebte um ca. 600 v.Chr. und musste mit ansehen, wie viele seiner Landsleute in Kriegen umkamen, ihre Heimat verloren und die Hauptstadt Jerusalem zerstört wurde. Es schrieb daraufhin die  Klagelieder. Ich war herausgefordert mich da in diese Texte hineinzudenken. Wer hat sie geschrieben? Was war der Anlass? In welcher Situation befand sich der Schreiber? Dabei bin ich auf eine interessante Entdeckung gestoßen. Nein, ich erzähle nichts Neues. Doch für mich wurde hiermit wieder etwas ins Gedächtnis gerufen, nämlich die hebräische Dichtkunst. Die Klageliedern haben eine spezielle Form bzw. Struktur.

 

Zur äußeren Struktur: Die Klagelieder bestehen aus 5 Gesängen. Die Gesänge 1, 2, 4 und 5 bestehen aus 22 Versen. Der 3. Gesang aus 66 Versen. Die Gesänge 1-4 sind akrostisch angeordnet, d.h. der erste Buchstabe jedes Satzes/Reihe ergibt, wenn man sie der Reihenfolge nach aneinanderreiht eine Gruppe von Worten oder wie in diesem Fall das hebräische Alphabet. Ausgenommen davon ist Kapitel 5.

Dazu zeichnen sich die Klagelieder durch eine strukturelle Ausgeglichenheit aus. Die Kapitel 1-2 und 4-5 sind parallel zueinander und chiasmisch geordnet. In den Kapiteln 1 und 5 geht es hauptsächlich um den Menschen, während in den Kapiteln 2 und 3 eher von Gott die Rede ist. Kapitel 3 ist quasi der Höhepunkt des Buches, denn er zeigt Jeremias Reaktion inmitten der Situation.

Zur inneren Struktur: Zwei Besonderheiten will ich mal nennen. Zum einen der wiederholte Gebrauch des Wortes „Wehe“. Zum andern der häufige Gebrauch des qinah-Metrums in den Kapiteln 1-4. Bei diesem rhythmischen Versmaß hat die zweite Hälfte einer Verszeile einen Schlag weniger als die erste Hälfte. Daraus entsteht ein 3+2 „hinkendes Versmaß“, das beim Leser ein Gefühl von Leere und Unvollständigkeit hinterlässt. Das verleiht den Klageliedern Emotionen von tiefer Traurigkeit.   

 

Das alles geht durch die deutsche Übersetzung/Übertragung verloren. Schade eigentlich! Was sagt das alles mir? Die Klagelieder sind wohl kein spontaner Klagegesang aus der Situation heraus, sondern Poesie. Jeremia verarbeitet seine Trauer, Wut, alle seine Emotionen mit Hilfe dieses Gesangs. Ein sehr gute Idee. Das würde uns auch gut tun. Kunst als Verarbeitungshilfe. Das will ich entdecken. Hat jemand Erfahrungen damit?

Glaube und Manipulation

Weil wir an die Existenz und Kraft Gott glauben, wie sie uns die Bibel lehrt, beten wir für Kranke, dass sie gesund werden. Klar, heilen können wir nicht, sondern das ist Gottes Job. Jedoch will er uns gebrauchen und fordert uns auf zu beten. Gott könnte und kann auch ohne unser Gebet heilen, er reagiert aber auch gerade dann, wenn wir uns entscheiden zu beten, als Folge unseres Gebets. Was wenn Gott nicht heilt? – Zu wenig Glauben? Nochmals beten? Will Gott überhaupt heilen? Heilt Gott überhaupt? Fragen über Fragen. Glaube zeigt sich nun darin Gott in seinem Tun anzuerkennen, auch wenn ich es nicht verstehe oder eben anders haben will. Ja, wir würden Gott gerne für unsere persönlichen Wünsche gebrauchen, mit welcher Motivation auch immer. Philip Yancey schreibt: „True faith does not so much attempt to manipulate God to do our will as it does to position us to do his will.” Glaube heißt Gott zu vertrauen und aus diesem Vertrauen heraus uns aufzumachen so zu leben, dass sein Willen durch uns geschehen kann.